Neue Zürcher Zeitung
Literatur
Gerthsen: Physik
lft. Der nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals erschienene «Gerthsen» war für unzählige Studenten im deutschen Sprachraum der unentbehrliche Begleiter zur Vorlesung. Ein Exemplar aus den ersten 17 Auflagen meist stark abgegriffen und mit handschriftlichen Ergänzungen versehen steht auf Tausenden Bücherbrettern, als «Soforthilfe», wenn es um die Grundlagen der Physik geht. Die nun vorliegende 18. Auflage wurde vollständig neu bearbeitet, à jour gebracht und reichlich illustriert. Zudem trägt dieser Klassiker des Physikunterrichts den didaktischen Stempel des Münchener Dozenten Helmut Vogel. Ein Lehrbuch soll nicht nur den Stoff vermitteln, sondern sich ständig damit auseinandersetzen. Nur so kann aus den Grundlagen das Neue selbständig erarbeitet und nachvollzogen werden. Den weit über tausend Aufgaben (mit Lösungen) kommt darum eine besondere Bedeutung zu. Der «neue Gerthsen» ist wohlverstanden ein Lehrbuch und nicht ein Handbuch der Physik. Immerhin ist es schade, dass man wichtige Quanteneffekte auf die Übungsseiten verbannte. Und der historisch bedingten Aufteilung der Quarks in die u-d-s-Triade, zu denen später c und b kamen (t wird nicht erwähnt), hätte man eine abgeschlossene Gesamtdarstellung vorgezogen.
Werner Heisenberg
lft. Ohne Zweifel gehörte Werner Heisenberg zum engen Kreis der grössten Physiker des Jahrhunderts. Er war ein «Wunderkind» im klassischen Sinn des Wortes: 1901 geboren, war er schon mit 25 ordentlicher Professor, mit 32 erhielt er den Nobelpreis. Mit Erwin Schrödinger war er der Begründer der Quantenmechanik, sein Unbestimmtheitsprinzip bedeutete den definitiven Bruch mit den seit Newton liebgewordenen Vorstellungen einer streng deterministischen Natur. Weil er sich (wie so mancher weniger prominente deutsche Wissenschafter) mit dem Naziregime arrangierte und vor allem auf Grund seiner führenden Rolle bei der Entwicklung eines Kernreaktors ist Heisenberg auch eine politisch umstrittene Persönlichkeit geworden. Cassidy hat den komplizierten und oft ambivalent anmutenden Heisenberg in dieser voluminösen Biographie aus einer die Objektivität fördernden geographischen und kulturellen Distanz behutsam und akribisch beschrieben. Max von Laues berühmten Brief über die «Lesart» zum deutschen Kernwaffenprojekt hat Cassidy wohl zu Recht als letztes Wort zu dieser jahrzehntealten Kontroverse in den Vordergrund gestellt.
Max-Planck-Gesellschaft: Jahrbuch 1995
lft. Zu den Dingen, auf die man sich jeweils am Jahresende besonders freut, gehört das Jahrbuch der Max-Planck-Gesellschaft. Keine der vergleichbaren Institutionen in anderen Ländern gibt sich die Mühe, einen lückenlosen Bericht über ihre Tätigkeit in der Form eines ansprechenden Buches zu veröffentlichen. Es enthält die an der Hauptversammlung der Gesellschaft gehaltenen Ansprachen und Referate sowie die Rechenschaftsberichte sämtlicher Institute und Arbeitsgruppen. Dabei wird stets so vorgegangen, dass eingehende, aber stets allgemeinverständliche Übersichten in all jenen Untersuchungsgebieten gegeben werden, wo besonders interessante Ergebnisse erzielt wurden. Das Spektrum der Aktivitäten der MPG ist so breit, dass man auf diese Weise über praktisch jeden wichtigen Trend der Naturwissenschaften am Cutting edge informiert wird. Zu den «Rosinen» im vorliegenden Band gehören die Nahrungsteilung bei Affen, die Ionen-Zusammensetzung des Sonnenwindes, der Absturz des Kometen Shoemaker-Levy auf dem Jupiter, die thermonukleare Explosion Weisser Zwerge, kosmische Strahlung aus Supernovae und mechanische Spektroskopie. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.