Charles Lewinsky erzählt das Leben des Kurt Gerron (1897-1944), der in Berlin geboren wurde, zunächst Medizin studierte und sich als Frontsoldat im 1. Weltkrieg eine Kriegsverletzung zuzog. 1920 wechselte er dann in die Schauspielerei, kam dann in die Stummfilmbranche bis hin zu ersten Tonfilmen, wo er als Regisseur arbeitete. "Gerron" erzählt vor allem die Tragik dieses Lebens, unter der NS-Zeit, eines Komikers der Menschen unterhalten wollte. Ein Roman, der sowohl Fakten und gut recherchiertes Hintergrundwissen eingebunden hat, als auch sich selbst die Freiheit lässt, Erfundenes dazu zu nehmen. Eine Nahaufnahme eines jüdischen Schauspielerlebens, das vor allem während des Aufenthaltes im KZ-Theresienstadt mit der Hoffnung ringt, an der Mitwirkung eines Filmes, das eigene Leben bewahren zu können.
Geschrieben ist es makaber, ironisch, brutal, eindrücklich, tragisch, komisch, authentisch. Wie in einer Biographie im Grunde, das sich in Zeitsprüngen hin- und herbewegt, lernen wir das Leben des Kurt Gerron kennen. Angefangen an seiner Kindheit, Pubertät, Studentenzeit, seinem Medizin-Studium bis hin zu seinen ersten Kriegserfahrungen. Ein Roman der den Irrsinn des Krieges verdeutlicht, die Brutalität von Einzelschicksalen veranschaulicht, kriegsverzerrte Bilder vor Augen führt, den Umgang mit Kriegsgeschädigten zeigt, das Leid in Lazaretten schildert , etwas von den Kriegsheimkehrern erzählt und etwas von der damaligen Kriegsstimmung des 1. Weltkrieges portraitiert.
Daneben lernen wir die Schauspielwelt kennen, das damalige Theaterleben, Theaterleute und dessen Schicksale, erste Einblicke in die damalige Stummfilmbranche und der folgenden Tonfilmbranche. Kurt Gerron spielt in der Uraufführung von Brechts Dreigroschenoper, spielte an der Seite von Marlene Dietrich im Film "Der blaue Engel" von Josef von Sternberg. Lewinsky macht den Spagat, zwischen Krieg und Theater, zwischen Bühne und Lagerlegen hin- und her zu switchen. Immer wenn seine Frau Olga an seiner Seite ist, die sich in zurückhaltender Weise wähnt, wissen wir, wir sind in Theresienstadt. Der einstige gefeierte Star der Weinmarer Republik mutiert in Theresienstadt zur Nummer: XXIV/4-247. Selbst die Emigration nach Holland, verschont den deutsch-jüdischen Schauspieler nicht davor, zunächst ins Zwischenlager "Westerbork" deportiert zu werden.
Gleich zu Beginn des Romans sind wir mitten in Theresienstadt, wo ihn der Obersturmführer Rahm zu einem Film über Theresienstadt beauftragt, der den Zuschauern ein positives Bild vorgaukeln sollte. Gerron findet sich dabei in endlosen Monologen, wo er sich zwischen Verräter und Verweigerer sieht, eine zutiefst innere Auseinandersetzung mit dem eigenen Gewissen, das einen beim Lesen anrührt und betroffen macht. Wie sehr dieser Mensch mit der eigenen Ehrlichkeit zum Einen ringt, zum Anderen an die Hoffnung glaubt, dadurch das eigenen Leben und das Leben anderer retten zu können. Der ganze Roman ist von der Angst durchdrungen "Auf Transport zu gehen", was die Deportation nach Auschwitz meint. Gerron erzählt vom Verlust der Identitäten, der bei der Internierung stattfindet, dem inneren Umgang mit dem Lagerleben in Theresienstadt, wo jede Sicherheit zur Illusion zu werden scheint, jüdische Internierte vor inneren Abgründen standen, die sich auch in Gedanken bis zum eigenen Suizid beschäftigten.
Fazit: Ein bewegender und betroffen machender Roman zweier Welten, der Schauspielkunst / Filmemachens und der lebensbedrohlichen Gegenwart, der damaligen Nationalsozialisten im dortigen KZ, wo Gerron sich aufhielt, um an diesem Film zu arbeiten. Theresienstadt an sich hatte sicher einen Sonderstatus, die Menschen dort durften Zivilkleider tragen, Theresienstadt war kein Vernichtungslager wie Auschwitz sondern eine Durchgangsstation, ein Ghetto. Lesenswert macht diesen Roman nicht nur, dass wir bekannte Persönlichkeiten wie u.a. Max Schmeling, Heinz Rühmann begegnen, sondern die Darstellung vieler Einzelschicksale bis hin zu der eindringlichen inneren monologen Stellungnahme, die sich bis zum Schluss hin- und her bewegt, zwischen dem Entgegenstellen des Auftrags und dem damit verbundenen Todesurteils, bis hin zur Pseudokollaboration, wo Gerron vor seinem eigenen Gewissen zu kämpfen hatte. Die Schilderung der damaligen Schauspielzeit ist ein wenig langatmig ja fast ein wenig langweilig geraten.
Dass es diesen Schauspieler Kurt Gerron, Sänger und Regisseur tatsächlich gegeben hat, Lewinsky Faktisches und Fiktion verbindet, macht diesen Roman zu einem besonderen Leseerlebnis. Manchmal fühlt man sich ein wenig schwer dabei, dafür hat der Autor sich jedoch tief in die Materie hineinrecherchiert, dass diesen Roman über ein jüdisches Einzelschicksal, während der damaligen NS-Zeit, umso mehr zu einem wertvollen Stück Kultur- und Zeitgeschichte macht.
Im Oktober 1944, nach Beendigung der Filmarbeiten in Theresienstadt, wurde Kurt Gerron nach Auswitz deportiert mit dem Vermerk: "Rückkehr unerwünscht." Der Film über Theresienstadt wurde unter dem Titel: "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" veröffentlicht. Auf youtube kann unter dem Titel: "Hitler gives the jews a City" dieser Film eingesehen werden.
Charles Lewinsky macht keinen Hehl daraus, selbst aus einer jüdischen Familie zu stammen. Bereits in
Melnitz: Roman aus dem Jahre 2006, über ein Judendorf in der Schweiz, hat der Autor bewiesen, dass er als Romancier Klasse besitzt, immerhin wurde dieser Roman 500'000 Mal verkauft.