Simon Winder bekennt in seinem Vorwort nicht nur, dass seine Deutschkenntnisse inexistent seien, was vielleicht manche seiner rätselhaften Feststellungen erklären könnte -- doch dazu gleich mehr. Sein "eigensinniges Geschichtsbuch" hat nämlich auch gute Seiten. Erstens liest sich das Ganze trotz gelegentlicher Attributenschwemme gut. Zwar kenne ich
das englische Original nicht, doch die Übersetzung ist fast immer gelungen, der Stil locker und amüsant, ohne auf Gedeih und Verderb hin witzig sein zu wollen. Dass der Übersetzerin ein paar Fehler passiert sind, die mir indirekt mitteilen, dass sie in Geschichte und Geographie kein As war -- nunja. Das kann passieren (Ich glaube nicht, dass Winder, ein Lektor beim penguin-Verlag, Slowenien und die Slowakei verwechselt, oder dass er das ehemalige Großherzogtum Baden fix zum Königreich gekürt hat)
Zurück zum Vorwort. Simon Winder bekennt sich sympathischerweise als Laie in Sachen Geschichtswissenschaft. So viel Offenheit wünscht man sich von vielen anderen Autoren vergebens; andererseits ist das noch lange kein Pluspunkt, wenn sonst nichts geboten wird in einem Buch über Geschichte. Auch ein Laie muss was zu bieten haben in einem Sachbuch; Patrick Leigh Fermor z.B. hat mit den Reiseberichten (Bd.
1,
2), die er als gerade 19jähriger verfasst hat, wieder mal Maßstäbe gesetzt. Unter jener Messlatte witscht "Germany, oh Germany" nicht selten untendurch, wechselt nicht selten innerhalb eines einzigen Absatzes zwischen Licht- und Schattenseiten.
Kurz gesagt: Gut ist "Germany, oh Germany" oft, wenn Winder selber gedacht hat oder bekannte Tatsachen aus zumindest hierzulande ungewohnter Perspektive zeigt. Auch sein Sinn fürs Abstruse macht Spaß, zumal es sich meist gut liest -- siehe z.B. seine Anmerkungen zu einem gewissen Parkplatz in Goslar, wo ein vermutlich romanischer Dom im 19. Jahrhundert einfach Pech hatte. Dass er nicht immer chronologisch vorgeht und gelegentlich seinen Assoziationen die Zügel locker lässt, obwohl die Kapitelüberschriften dem Leser strenge Chronologie vorgaukeln, ist nicht so tragisch. Normalerweise bemerkt man, wenn's wieder mal so weit ist, und wer im Geschichtsunterricht ein wenig aufgepasst hat, dürfte es ohnehin sehen: Schließlich hatten die Habsburger im Hochmittelalter noch keine große Bedeutung -- um nur ein Beispiel zu nennen.
Ein paar Kapitel bzw. Unterkapitel sind gelungen, und ihre Lektüre ist vergnüglich, wenn man in Geschichte einigermaßen firm ist, will sagen: Wenn man ein solides Allgemeinwissen parathält, wenn man mit Historien-Mitteilungen umzugehen weiß und nicht alles für wahr hält, nur weil's einem im Buch vorgeplappert wird. Wer Sinn für viele Details hat und dafür schwachbrüstige Logik hinzunehmen bereit ist, könnte durchaus fündig werden. Winder hat nämlich zahlreiche Geschichtsanekdoten zu bieten, und zu behaupten, dass sie mich nicht interessiert hatten, wäre gelogen. Die Details haben mir oft genug Spaß gemacht.
Richtig gut gelungen sind Winder die Überlegungen zu den sonst über Gebühr hochgejubelten Germanen; die stutzt er buchstäblich zurecht, und das tut ihnen und dem Kapitel gut. Richtig gut ist beispielsweise auch ein Unterkapitel über die Besonderheiten des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation mit all seinen auserlesenen Spleens. Wenn man zusätzlich bedenkt, dass sich das Original an Briten wendet, denen das Heilige Römische Reich deutscher Nation in all seiner Verquertheit noch undurchschaubarer vorkommen muss als uns, dann muss man diese paar Seiten einfach hervorheben. Es gibt noch ein paar andere insgesamt gelungene Kapitel und Unterkapitel. Ein letztes durchdachtes Kapitel des Buches ist Kapitel 13 über den Ersten Weltkrieg, in dem Winder scheinbar gesichertes Allgemeinwissen gegen den Strich bürstet. Seltsam nur, dass Winder im anschließenden, 14. Kapitel dem zuvor geschriebenen teilweise widerspricht... womit wir zu den negativen Seiten des Buches kommen.
Banal (um es vorsichtig zu formulieren) wird's sehr oft dann, wenn Winder irgendetwas nachplappert, das man schon mal irgendwo in etwas fundierterer Form gelesen hat. Woher er seine bemerkenswerten Kenntnisse jeweils hat, verrät er uns leider nicht. Manchmal erzählt er sogar Verwunderliches, das ich nicht ohne weiteres glaube und wo ich schon gern eine Quelle sähe, oder wenigstens einen Hinweis, woher er das weiß. Manchmal verkauft er auch seine Ansichten als Tatsachen, vielleicht verwechselt er das auch; keine Ahnung. Freilich hat er, wie jeder Mensch, das Recht, den Stil einer Epoche zu mögen oder auch nicht zu mögen. Aber was Winder z.B. über die Neugotik loslässt, das ist nur noch Realsatire. Kulturgeschichte sollte Mister Winder bitte, bitte weiträumig umfahren, denn hier faselt er Quatsch -- um es ganz vorsichtig zu formulieren. Und über seine inexistenten Kenntnisse über Baugeschichte im allgemeinen, die er hier auch noch dargelegt hat, lästere ich hier garnicht... Es ist ein Graus.
Seltsam finde ich auch, dass Winder vieles nicht zu wissen scheint, obwohl er in einem renommierten Verlag Lektor in Sachen Fachliteratur für Geschichte sein soll: So schwadroniert er lange und breit über Klöster im Mittelalter und über deren Funktionen, erwähnt aber in keinem Nebensatz deren wirtschaftliche und Bedeutung oder deren mitunter bis heute beeindruckenden (siehe beispielsweise St. Gallen/CH) Bibliotheken. Gelegentlich argumentiert er auch unlogisch, und sein, mit Verlaub, Gequake über erhaltene oder gar (pfui!) restaurierte, möglicherweise weltberühmte Baudenkmäler aus Römerzeit und vor allem Mittelalter ist dermaßen bescheuert, dass sogar präpotente Neuntklässler den Kopf schütteln dürften, läse man es ihnen vor. Man muss nicht lange nach den Passagen suchen; man findet meist nach spätestens fünf Seiten die nächste intellektuelle Selbstentblößung des Autors. Seine idée fixe, will mir scheinen. Ein anderes Hobby von ihm besteht darin, die bööööösen Amerikaner mit allen Bösewichten der deutschen Geschichte parallel zu sehen, die er gerade behandelt. Misstrauisch macht mich auch, dass Winder gelegentlich unfähig ist, zwischen Weltbild und Lebensauffassung eines durchschnittlichen Zeitgenossen und derjenigen eines Menschen im Mittelalter zu unterscheiden. Ein Wachtposten im 13. Jahrhundert sah seine Stadt nunmal mit ganz anderen Augen als wir heute... aber Herr Winder weiß das nicht. Schulkinder wissen es normalerweise.
Nachgerade peinlich wird's, dass er sich öfters mal selber widerspricht und im einen Kapitel dies und im nächsten das Gegenteil plappert -- besonders deutlich im 13. bzw. 14 Kapitel. Der Verdacht ist nicht loszuwerden, dass er in den beiden Kapiteln jeweils ein anderes, ernster zu nehmendes Fachbuch nachplappert. Ich könnte noch mehr schwerwiegende Mängel kritisieren, aber das hier sollte genügen.
Wer Geschichtsschreibung lesen möchte, die sich ausdrücklich an interessierte Laien wendet, Wissenswertes ebenso wie Amüsantes en gros et en détail bietet und stilistisch überzeugt, dem empfehle ich z.B. die jeweiligen Werke von Herbert Rosendorfer oder Egon Friedell. Und zwar uneingeschränkt.