Wenn Skandalstücke von einst zu Klassikern von heute und morgen erklärt werden, hinterlässt dieser Vorgang in aller Regel einen bitteren Nachgeschmack. Denn niemand vermag mit Gewissheit zu sagen, ob es sich bei der literaturgeschichtlichen Neueinordnung tatsächlich um eine Beförderung handelt. Gerade bei Heiner Müller steht zu befürchten, dass die politische Brisanz seiner Stücke immer seltener auf ein reales Theaterpublikum trifft. Stattdessen wird sie zwischen wohlgeformten Buchdeckeln aufgerieben und dem fleißigen Studium von Historikern und Sprachvirtuosen überantwortet, die Müllers blutunterlaufene Blicke auf die deutsche Geschichte unter ganz anderen Gesichtspunkten interessant und vielleicht sogar aufregend finden mögen.
Doch die beiden zwischen 1956 und 71 beziehungsweise zwischen 1990 und 95 entstandenen Stücke "Germania Tod in Berlin" und "Germania 3 Gespenster am toten Mann" haben ein anderes Schicksal verdient. Die Fragen, die Müller mit verbaler Urgewalt und bedenkenlosem Ungestüm stellt, zielen nicht nur mitten ins Herz des nationalen Selbstverständnisses. Sie sind auch bis heute unbeantwortet und müssen deshalb mit steter Regelmäßigkeit neu formuliert werden.