Die Wirtschaftskrise scheint es wieder einmal bewiesen zu haben, die kleinen Verbrecher hängt man, die großen lässt man laufen, nur Bernard Madoff scheint sich irgendwie doch im Netz verfangen zu haben. Gibt es denn keine Gerechtigkeit mehr? Eine Frage die sich zu beantworten gerade ein Mathematiker aufgemacht hat und dabei zu erfrischend klaren Einsichten verhilft. Nach "Zahl, Zeit, Zufall" oder "Rechnen mit Gott und der Welt" hat Rudolf Taschner mit "Gerechtigkeit siegt - aber nur im Film" sein erstes gänzlich mathematikfreies Buch im Ecowin-Verlag vorgelegt und damit an eine sprichwörtlich antike Tradition angeknüpft, in der Mathematik und Philosophie sich keineswegs fremd waren, man denke nur an jemanden wie Pythagoras.
"Gerechtigkeit siegt" ist eine Reise quer durch alle Lebensbereiche in denen man hofft oder zumindest glaubt irgendwo doch so etwas wie Gerechtigkeit finden zu können. Sind wir denn nicht alle schon von Geburt an gleich geschaffen? Nicht wirklich, denn schon im Mutterleib profitieren wir von der gesellschaftlichen Stellung unserer Eltern. Nur im Tod sind wir (noch) alle gleich, wenn auch in der Todesart wieder statistische Klassen-Unterschiede vorherrschen. Man kann also nur hoffen dass sich Talent und Einzigartigkeit immer wieder durchsetzen, wie etwa im Fall von Mozart. Wobei Mozart neben seinem musikalischen auch ein außerordentliches mathematisches Talent besaß, jedoch in eine Musikerfamilie hineingeboren wurde und daher ungeachtet seines musikalischen Genies von Anfang an eine fast unerhörte Förderung genoß. Mit einem Vizekapellmeister im Dienste des Salzburger Fürsterzbischofs als Vater und Lehrer, der wohl schon damals derart große Pläne für seinen Sohn hegte, wie manche Star-Eltern heutzutage, kein Wunder dass aus ihm etwas geworden ist. Hätte das Genie Mozart diese Unterstützung nicht erhalten, er hätte es wohl kaum soweit gebracht. Unser Schicksal ist also bereits vor unserer Geburt davon geprägt, über welche Netzwerke, Ressourcen, Möglichkeiten, Kontakte, Erfahrungen und Interessen unsere Eltern verfügen, Gerechtigkeit sieht anders aus.
Die Chancen der weniger begüterten angehoben hat schließlich erst die Einführung eines allgemeinen Pflichtschulwesens, das es zunächst vor allem auch begabten Handwerkerkindern ermöglichen sollte Chancen zu erhalten. Etwa dem jungen Carl Friedrich Gauß dessen Talent von seinen Lehrern früh erkannt und gefördert wurde, sodass ihn sein Mathematik-Lehrer Johann Georg Büttner mit einem Stipendium am Martino-Katharineum-Gymnasium unterbringen konnte. Auf Büttners Initiative und Fürsprache des Herzogs von Braunschweig sollte es Gauß sogar ermöglicht werden am Collegium Carolinum zu studieren, dem Vorläufer der Technischen Universität Braunschweig. Kaiserin Maria Theresia verfolgt bei der Einführung der Pflichtschule im damaligen Habsburgerreich jedoch alles andere als hehre Motive, Ausnahmetalenten (sofern sie bei ihren Lehrern Anklang oder anderweitig Förderer fanden) bessere Chancen zu eröffnen, denn nach ihren verlorenen Kriegen gegen Preußen stand für ihre Berater zu Hofe fest, man habe verloren weil die Preußen ihre Befehle auch lesen können und bei der mündlichen Weitergabe, gleich dem Spiel stille Post, zuviel an Information verloren ginge. Der typisch österreichische Kompromiss war dann Schule am Vormittag, damit die Kinder nachmittags frei für Arbeiten am auf ihre Arbeitskraft angewiesen heimischen Hof wären. Dieser Notwendigkeit waren auch die zweimonatigen Sommerferien geschuldet, in denen es die Ernte einzuholen galt. Blickt man übrigens auf als Indikator für Reichtum und Erfolg geltende Auflistungen wie die Fortune 500 wird man überdies erkennen dass die dort vertretenen Persönlichkeit entweder durch schieres Glück oder ein saftiges Erbe derart weit empor geklettert sind.
- Resümee -
Selbst die Demokratie ist alles andere als gerecht, wie der Mathematiker Rudolf Taschner anhand der verqueren Wahlarithmetik zu erläutern versteht, ganz ohne Zahlen und Formeln übrigens. Soll es der deklarierte Wille der Mehrheit sein oder das womit sich die tatsächliche Mehrheit auch abfinden würde, wenn ihre Wahl keine Wirkung hätte? Tiefschürfende Überlegungen, die aber keinesfalls verkompliziert dargebracht werden. Rudolf Taschner versteht es meisterhaft sich einer klaren Sprache zu bedienen und diese mit Verve und Stil zu kombinieren. Und der gelegentliche Mathematik-Bezug (wenn er etwa auf Mozarts mathematisches Genie verweist) passt gut ins Bild, ebenso wie die Wirtschaftskrise als tagespolitischer bzw. kultureller Bezugspunkt. Selbst dass dem Buch der eindeutige rote Faden fehlt verzeiht man Taschner gerne, denn all seine philosophischen Streifzüge haben doch wieder eines gemein, die Suche nach einer Antwort auf die Frage "Gibt es Gerechtigkeit?".
Fazit:
Ein Buch das nicht nur einen wunderbaren Lesegenuss anzubieten hat, sondern sich auch hervorragend als Diskussionsstoff und Ideengeber eignet.