Der "Spiegel" nennt ihn den "Sokrates von Harvard", "China Newsweek" erklärt ihn zum einflussreichsten Ausländer des Jahres, die "Japan Times" zum intellektuellen "Rockstar", der Londoner "Observer" zu einem der prominentesten Morallehrer der Welt. Die "Zeit" schreibt: "Wenn Michael Sandel in Harvard über Gerechtigkeit philosophiert hört die Welt ihm zu". I.d.T.kann die Welt zuhören. Anders als deutsche Unis stellen amerikanische längst Vorlesungen ins Internet, für die man sich einschreiben kann. Sandels Vorlesung in Harvard ist eine davon. Er praktiziert dabei, worum es ihm geht: offener kontroverser Austausch über Fragen der Gerechtigkeit. Auch den Leser des Buches konfrontiert er gleich zu Beginn mit allerlei moralischen Zwickmühlen.
Im Jahr 1884 überlebten vier englische Seeleute einen Schiffbruch und retteten sich auf ein kleines Boot. Die Hilfe lies auf sich warten und Land war nirgends in Sicht. Dem verhungern nahe töteten und aßen drei von ihnen schließlich den ohnehin kränkelnden Schiffsjungen Richard Parker. Schließlich erschien ein Schiff und die drei verbleibenden Männer konnten gerettet werden.
Ein Team von vier US-Navy-SEALs hatte den Auftrag einen Taliban-Führer aus dem Umfeld Bin Ladens, der etwa 150 Mann befehligte, aufzuspüren. Als sie sich bereits dem Dorf genähert hatten, stießen sie auf zwei Ziegenhirten. Es gab keine Möglichkeit diese festzuhalten und so bestand die Gefahr, von ihnen verraten zu werden. Die Team-Mitglieder plädierten deshalb dafür, die Hirten zu töten - bis auf einen von Ihnen, M. Luttrell, der sich schließlich durchsetze. Sie ließen die Hirten laufen, wurden verraten und von einer Überzahl Taliban-Kämpfer aufgerieben. Nur Luttrell überlebte schwer verletzt und machte sich große Vorwürfe.
Aber Sandel nimmt auch auf weniger exzeptionelle, z.T. brandaktuelle Themen Bezug. Kann Folter (bspw. bei einer Kindesentführung oder einem drohenden Terroranschlag) gerechtfertigt sein? Wie steht es mit den staatlichen Hilfsmilliarden für Banken, die die Finanzkrise mitverursacht haben, und deren Mitarbeiter sich bald nach der Unterstützung wieder satte Boni gönnten? Wie gerecht ist der freie Markt - besonders wenn er in Katastrophengebieten - etwa nach einem Hurrikan oder Tsunami - die Preise für dringend benötigte Güter in die Höhe treibt?
Sandel behandelt verschiedene Ansätze der Moralphilosophie. Für den Utilitarismus ist Ziel allen Handelns das größtmögliche Glück - verstanden als Lustgewinn - der größtmöglichen Zahl. Die Idee ist bereits bei David Hume erkennbar, wird dann aber v. a. durch Jeremy Bentham philosophisch entfaltet. Bentham verfolgte das Anliegen, eine Art Lust-Index für sämtliche Verhaltensweisen bzw. -ziele zu erstellen, was dann die Ausarbeitung einer mathematisch exakten Ethik erlaubt hätte. Mit seinem unerschütterlichen Zweckrationalismus entwarf er Neuerungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Von ihm stammt auch die Idee des Panoptikon - ein Gefängnis mit gläsernen Zellen, in denen die Insassen rund um die Uhr beobachtet werden könnten.
Eine etwas feingeistigere Version des Utilitarismus entwickelte dann J. S. Mill. Geistige Genüsse waren für ihn höherwertig als rein physische, ein Bachkonzert also erstrebenswerter als ein Pub-Besuch. Lieber ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedenes Schwein", so brachte es Mill auf den Punkt. Außerdem dachte er langfristiger und umfassender. Er fragt bei einer bestimmten punktuellen Handlungsweise auch, was es bedeutet, wenn sich mit dieser allgemeine Erwartungen und Befürchtungen entwickeln bzw. diese Nachahmung in anderen Zusammenhängen findet.
In Benthams Konzept wird es bspw. schwierig, einen Mord zu verurteilen, wenn sich dadurch - etwa durch angeeignetes Guthaben - der Lebensgenuss eines oder gar vieler Menschen erhöht - so er denn möglichst schmerzfrei geschieht und keine leidtragenden Angehörigen oder Freunde da sind. Sandel führt die Massenvergnügen in den römischen Arenen an - auf Kosten einzelner Menschen, die einander töteten oder zum Fraß der Löwen wurden. Die utilitaristische Gesamtbilanz fiel dabei positiv aus. Mill würde hier jedoch auf die unterschwellige Angst verweisen, dass jeder selbst in die Opferposition geraten könnte, wenn dgl. nicht generell verboten ist.
Die Einwände gegen den Utilitarismus sind dennoch vielfältig. Nicht nur weil er auch die Grundmatrix aller totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts gebildet hat - in verschiedener Ausprägung wollte man das Paradies auf Erden verwirklichen und dabei waren Opferzahlen zweitrangig. Sandel bringt einige weitere Beispiele für Konsequenzen, Denk- und Handlungsweisen, die sich aus diesem Ansatz ergeben. So machte etwa der Tabakkonzern Philipp Morris 2001 von sich reden. Die tschechische Regierung wollte mit Hinweis auf die Kosten, die infolge des Zigarettenkonsums für das Gesundheitssystem entstehen, die Tabaksteuer drastisch erhöhen. PM legte der Regierung daraufhin eine Studie vor, die belegte, dass für die tschechischen Sozialsysteme vielmehr ein Kostenvorteil von jährlich 147 Mio. Dollar entstünde - durch das vorzeitige Ableben von Rauchern.
Auch Kant hält dem Utilitarismus entgegen, dass niemals der gesellschaftliche Gesamtnutzen das Kriterium eines Rechtssystems sein dürfe, sondern dies die unveräußerlichen Grundrechte des Individuums sein müssen. Überhaupt gäbe es eben sehr unterschiedliche, z.T. divergierende Vorstellungen davon, was ein Leben erfüllt und glücklich macht. Dem müsse man gerecht werden; jeder müsse die Freiheit haben sein Lebensglück auf seine ganz persönliche Weise zu verfolgen.
Der Libertarismus, vertreten z.B. durch den Philosophen R. Nozick, denkt ebenfalls konsequent vom Individuum her. Gerechtigkeit bedeutet, dass diesem ein Höchstmaß an Freiheit zugesichert wird. So könne es bspw. nicht Aufgabe staatlicher Institutionen sein, Einkommen umzuverteilen. Ohnehin führe dgl. nur zu einer Dezimierung von Leistungsanreizen und so zu einem Wohlfahrtsverlust für alle. Der Staat solle viel mehr dafür sorgen, dass Rechte und Chancengleichheit gewahrt bleiben, so dass jeder seine Fähigkeiten optimal einsetzen kann. Die sich dann ergebenden Unterschiede bezüglich der Stellung im sozialen Gefüge, beim Vermögen usw. seien durch den unterschiedlichen Leistungseinsatz und die auf Freiwilligkeit beruhende Bewertung und Prämierung gerechtfertigt. Wenn bspw. ein Tennisstar ein Jahreseinkommen in Millionenhöhe hat, dann deshalb, weil eine entsprechend große Zahl an Menschen ihn sehen möchte und völlig freiwillig in der einen oder anderen Form dafür zahlt. Wenn der Staat nun meint, er hätte das Recht, ihm einen Teil seines Einkommens in Form von Steuern wieder wegzunehmen, ist das für Nozick illegitim.
Das Einkommen wurde von dem Betreffende erarbeitet - somit läuft Besteuerung desselben auf staatlich veranlasste Zwangsarbeit hinaus; auf eine Form der Sklaverei. Das wird aus Nozicks Sicht auch nicht durch demokratische Gesetze legitimiert. Der Schutz des Privateigentums ist ein Grundrecht. Andere Grundrechte wie Religions- oder Meinungsfreiheit, körperl. Unversehrtheit etc. können auch nicht durch Mehrheitsbeschluss aufgehoben werden.
Bereits für John Locke gab es unveräußerliche Freiheitsrechte. Die Würde und Gleichheit der Menschen - auch der Gleichheit von Mann und Frau - leitet er aus 1. Mose 1, 27 ab. Der sich aus der Imago-Dei-Lehre ergebende Gleichheitsgedanke ist für Locke auch die Grundlage dafür, dass eine Regierung stets der Legitimation durch die Regierten bedarf. Auf diesem Hintergrund entwickelt er seine Theorie demokratischer Rechtsstaatlichkeit.
Der Gedanke gegenseitiger sozialer Verpflichtung ist bei Locke jedoch weit stärker ausgeprägt als bei den späteren Libertariern. Er argumentiert naturrechtlich. Das Recht auf Privateigentum ergibt sich für ihn einzig daraus, dass man dieses selbst produktiv erarbeitet hat. Generell sieht er die Rechte auf Freiheit und Eigentum durch die Freiheits- und Eigentumsrechte anderer beschränkt. Auch schuldet der Mensch sich selbst gewissermaßen seinen Mitmenschen, d.h. ebenso wie er nicht das Recht hat, anderen das Leben zu nehmen, so auch nicht sein eigenes. Das kommt dem Ansatz Kants und bereits sehr nahe.
Kant, so Sandel, versucht jedoch von einer theologischen Untermauerung, wie sie Locke praktizierte zu abstrahieren und eine Orientierung für das sittliche Handeln zu entwickeln, die allen Menschen unabhängig von ihren Glaubensüberzeugungen evident erscheinen muss. Die praktische Vernunft" erweist sich hierbei als Instrument der Regulation und Beherrschung des sinnlichen Begehrens, denn sie stellt alles Tun unter den Leitgedanken des kategorischen Imperativ": Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Da dieser Anspruch der Vernunft besteht, muss auch der Wille des Menschen frei und somit fähig, selbigem zu genügen, sein. Die Freiheit und Würde des Menschen findet für Kant gerade dann ihren höchsten Ausdruck, wenn dieser gegen seine Neigungen handelt.
Im Anschluss an Kant kommt Sandel auf John Rawls und dessen Theorie der Gerechtigkeit" zu sprechen.
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