Das Buch von Ottiger und Reeb ist ein außergewöhnliches Buch zum Thema Gerben. Als Tochter eines Freizeitjägers habe ich über viele Jahre hinweg schön präparierte Felle von Wildrehen und Füchsen in den Händen gehabt und habe mich immer gefragt, woher das rührt, dass die darunter liegenden Tierhäute so unterschiedlich beschaffen sind. Ottiger und Reeb lieferten mir auf den ersten Seiten ihres Buches schon die Antwort. Die Eigenschaft des Leders hängt nicht allein vom Gerben ab, sondern von dem Tier von dem es stammt. Denn kein Leder wird besser als die lebendige Haut es war. Man erfährt, dass die Hautbeschaffenheit von der Tierart abhängig ist, dem Alter des Tieres und sogar von der Lebensweise. Das dickste Leder unserer einheimischen Tiere stammt vom Rind, was zudem auch zu den festesten Lederarten überhaupt gehört. Interessant war zu lesen, dass die Häute von wildlebenden Tieren kräftiger sind als von Stalltieren, die sich weniger bewegen und nicht so der Witterung ausgesetzt sind, was sich logischerweise auf Fell- und Hautbeschaffenheit auswirkt. Neu war für mich, dass sich Haarkleid und Haut im Wechselspiel zueinander verhalten. In der Regel gehört zu einem dünneren Haarkleid eine dickere Haut, die die Wärmeschutzfunktion übernimmt. In einem extra Materialkundekapitel werden die Eigenschaften verschiedener Tierhäute (Rind, Pferd, Schaf, Ziege, Rot- und Dammwild etc.) und ihrer Verwendbarkeit beleuchtet. Es werden einem auch Begriffsdefinitionen an die Hand gegeben, z.B. dass in der Fachsprache der Gerber nur von einer „Haut" gesprochen wird, wenn sie von einem größeren Tier stammt. Diese kann dann sowohl behaart als auch unbehaart sein. Wer ins hobbymäßige Gerben einsteigen will, erhält in diesem Buch einen perfekten Wegweiser, über die Beschaffung der Felle und den nötigen Werkzeugen und Chemikalien, die man zum Gerben benötigt. Die gesamte Gerber- Prozedur wird in Arbeitsschritten beschrieben, von der Konservierung der Felle, dem Kalkäschern zur Wandlung der Haut in eine elastische Form, dem Einweichen und Waschen, dem Entfleischen auf dem Gerberbaum (Entfernen der nicht gerbbaren Unterhaut), der Behandlung der Haut für die Herstellung von Fellen, der richtigen Enthaarung bei der Lederbereitung und schließlich dem Beizen, das die Haut in einem Gärvorgang nochmals aufschließt. In weiteren Kapiteln werden die verschiedenen Gerbverfahren vorgestellt, zu denen die Fettgerbung, die Pflanzliche Gerbung, die Mineralische Gerbung und die Synthetische Gerbung gehören. Alles in allem gewinnt man beim Lesen dieses Buches einen tiefen Einblick in die Gerberkunst, die ja nun ein Traditionshandwerk ist. Ich denke, wer gerne einmal Leder selbst herstellen will, hat mit diesem kleinen Handbuch einen tollen Ratgeber, der jeden Volkhochschulkurs erübrigt. Für mich ist das Buch ein schönes Geschenk für Jagdbegeisterte, die ja ohnehin immer wieder an Felle kommen und sich überlegen, was sie damit anstellen werden. Ein gutes Buch, das für wenig Geld zu haben ist.