Seit „Debil“ fand ich die Ärzte gut. Live sind sie seit eh und je ein Hammer, die Studioalben offenbarten zwar meist kleine Schwächen, waren aber nie Ausfälle. Aber natürlich sind auch an den Ärzten wie an anderen Bands, die derart lange an der Spitze stehen, die Spuren des Älter-werdens deutlich zu erkennen. Die Jungs von einst sind inzwischen über 40 und ‚Teenagerliebe‘ passt eigentlich irgendwie nicht mehr so ins Bild, wenn man selbst inzwischen ein ‚Schreck der Teenager‘ sein könnte. Die letzten Ärzte-Alben hatte ich allesamt nur noch unbedeutend wenige Male gehört. Ich hatte das Gefühl, alles schon so oder anders zu kennen. ‚Geräusch‘ habe ich dann zunächst vollkommen ignoriert. Bis meine 14-jährige Tochter Rebecca eines Tages ‚Als ich den Punk erfand‘ durchs Haus dröhnen ließ. Ich lieh mir von ihr die CD und kam nicht mehr von ihr los. Die Ärzte sprühen nur so von Selbstironie, Spaß, Albernheit, Bösartigkeit, kleinen Sauereien und vor allem von musikalischer Vielfalt, wie ich es zuvor in dieser Dichte und Perfektion bei der besten Band der Welt noch nicht erlebt hatte. Selbst die Kalauer-Nummer ‚Jag älskar Sverige‘ hat mich fast umgehauen, verbringe ich doch schon seit vielen Jahren immer wieder zahlreiche Ferientage bei Freunden in Schweden. Ich hab mich fast scheckig gelacht. Doch vor allem die rockigen Stücke sind herrlich heavy und machen in erster Linie den Reiz des Do-Albums aus. Musikalisch sind die Ärzte durchaus gereift und haben qualitativ einen neuen Höhepunkt erreicht. Dass sie dabei immer noch ihre Mäzchen machen und mehr von Peter Pan’s Verweigerung gegenüber dem Erwachsenwerden zu haben scheinen als Michael Jackson sich jemals hätte träumen lassen, macht sie glaubhaft und sympathisch. Kein falscher Pathos dominiert sondern die spürbare Freude am ‚auf-den-Pudding-hauen‘! Wer hätte beim Start von Farin und Bela gedacht, dass sie ihr Weg so weit nach oben führen würde und sie sich derart souverän in ihrer Spitzenposition auf dem heimischen Markt behaupten könnten. Seit Jahren schon ergänzt durch den inzwischen unersätzlichen Rod Gonzales sind sie heute national der Maßstab, an dem sich deutsche Rockmusik messen lassen muss. Und wer hätte je gedacht, dass die Lehrer- und Elternschrecken von einst inzwischen ein wertvolles Bindeglied zwischen den Generationen sind, die uns älteren die Möglichkeit der Kommunikation mit unseren Kindern durch die Liebe zu ein und derselben Musik gibt. Doch nicht nur deshalb ist ‚Geräusch‘ ist ein Meisterwerk, das hierzulande vergeblich seinesgleichen sucht.