Beim neuen Roman von Jan Faktor, der es immerhin auf die shortlist zum deutschen Buchpreis geschafft hat, fühlt man sich ein wenig hin und hergerissen. Zum Einen lesen wir im ersten Drittel des Romans, der als wirklicher "Schinken" mit seinen 636 Seiten daher kommt, eine zum Schmunzeln angelegte Parodie, eines jungen Pubertierenden, der ohne grosse Schamgrenzen beim Leser auf's Volle in Sachen Erotik geht. Ab dem ersten Drittel, wird dieses Buch immer politischer, gesellschaftskritischer, wir lesen vom Sozialismus, dem Einmarsch der Russen, in der ehemaligen Tschechoslowakei, bis hin wo der Ich-Erzähler Georg, mit seiner Mutter ins ehemalige Arbeitslager Christianstadt fährt, wo während des Krieges in der dortigen Sprengstofffabrik, Nitrozellulose, Hexogen, TNT und Nitroguanidin abgefüllt wurden.
Eine Rüstungsschmiede, die seinesgleichen sucht, es ist die modernste Munitionsfabrik Europas, sie hat Gleisanschlüsse, Wasser durch einen Fluss in der Nähe, gut versteckt tief in den Wäldern. Sie besteht aus 820 Gebäuden, 11 Zwangslagern und ca. 25'000 Arbeitern. Es werden dort Fliegerbomben, Munition für Karabiner, Granaten für Geschütze hergestellt. 1943 begann dort die Sprengstoffproduktion mit Hexogen, das die 2,5fache Sprengkraft von TNT besitzt. Frauen sollten die Bomben, für den Endsieg der Nazis produzieren. Jüdische Zwangsarbeiter, werden für die gefährlichsten Arbeiten eingesetzt, oft mit viel zu wenig Essen, ohne jeden Schutz, 12 Std. am Tag, wo oft giftige Dämpfe eingeatmet wurden und die Arbeiterinnen darunter, an den Folgen litten. Der Kernbereich, der noch heute übrig gebliebenen Munitionsfabrik, ist durch das dortige polnische Militär abgesperrt und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Es gibt nirgendwo einen Hinweis, eine Tafel oder ein Schild oder gar ein Denkmal, das an die damalige Zeit erinnern würde. Als hätte es diese Kriegsmaschinerie gar nie gegeben...
Für mich ist dieses Buch, über weiter Strecken zu langatmig. Ausserdem frage ich mich, ob man daraus nicht hätte besser 2 Bände machen können. Warum nicht einen Erotik-Roman über einen Jugendlichen schreiben, und somit die entsprechende Leserschaft unterhalten, Punkt. Genauso, hätte man auch die Aufarbeitung, der eigenen Mutter machen können, in dem man ihre Geschichte erzählt und sich auf Spurensuche macht. So, hätte das Ganze für mich viel mehr Sinn gemacht. Humorvolle Erotik-Entdeckung jedoch neben eine Kriegsvergangenheit, mit KZ-Note in gleichen Roman zu verarbeiten, finde ich persönlich geschmacklos und respektlos. Beides in eine Geschichte zu packen, finde ich dann doch irgendwie im Ton vergriffen...
Angefangen, ob Humor und schmerzhafte Vergangenheit, wie etwa die Frauen, die aus KZ's zurückkamen, mit denen der junge Heranwachsende in einer Wohnung in Prag lebt, zusammenpasst, bis hin zu einem Buchtitel, der einem gewagt vorkommt und auch irritiert, im Grunde spiegelt sogar der Buchtitel, was ich bereits angesprochen habe, nämlich, ob das feuchtfröhliche und kunterbunte obszöne, gewagte und frivole, schalkhafte Erzählen in Sachen Entdeckung der Weiblichkeit, mit dem ganzen ernsten Hintergrund eben nicht zusammenpasst...
Ein Buch, das wie eine Biographie klingt. Zu Beginn ist der Roman ein Unterhaltungsroman, die Sprache ist, unverblümt, vulgär, frivol, lüstern, süss, urkomisch, modern, schlüpfrig, erotisierend, unterhaltend, ordinär, drollig, witzig, amüsant, lustig, übermütig, im Laufe der Romans fällt das Niveau immer mehr ab, keine grosse Tiefe oder grosse Literatur. Keine wirklich durchziehende Handlung, eine Familiengeschichte, bei der erzählt wird, wie ein Junge Ende der sechziger Jahre die Welt und seine Eltern erlebt. Ein Schriftsteller, der es immer wieder schafft, dem Leser ein Schmunzeln auf die Lippen zu zaubern. Es ist die Zeit, während der chinesischen Kulturrevolution, wo China Tibet besetzt, eine Mutter die beim Spiegel-Magazin arbeitet und ein Vater der beim Geheimdienst arbeitet. Eine Geschichte, wo man als Leser nicht unbedingt erkennt, wohin der Autor mit einem hin will. Ein junger Erwachsener, der sogar Einblick, in das Liebesleben seine Mutter bekommt.
Fazit: Eine Literatur, wo das Humorhafte und das Ernsthafte genauso zusammen seinen Platz bekommen. Ein Roman, der zumindest zu Beginn aus der Sicht eines Jugendlichen geschrieben ist. Ein Autor, der mit der Erotik und der Erregbarkeit des Leser spielt. Ein Buch das die Frage aufwirft, was hat dieses Buch eigentlich für ein Niveau? Ein Roman, der vom nahen porträtieren einzelner Personen und Beschreibungen lebt, ein Mutter-Sohn-Roman, eine Art Entwicklungsroman, vom Erwachsenwerden. Eine Geschichte, die Einblick in das damalige Prag, in die damalige Zeit, Ende der sechziger Jahr gibt.
Eine Erinnerung an die eigene Jugend, während es Prager Frühlings. Ein literarische Verarbeitung einer Famiiengeschichte, vor dem Hintergrund des Zerfalls. Ein Buch bei dem man Lachen kann und nachdenklich wird, aber auch über weite Strecken sich zeitenweise langweilig anfühlt, ein Autor der über die ganze Strecke das Niveau nicht halten kann. Für mich persönlich, war die Passage, wo Georg mit seiner Mutter an jenen frühern Ort fährt, wo sie im Lager war, am wertvollsten, vor allem, weil die ganze Zeit im Grunde nicht darüber gesprochen wurde, allerdings ist dieser Teil verschwindend klein angesichts des ganzen Umfangs des Romans. Lesenswert, unterhaltsam, zu weitläufig, aber nur stellenweise wirklich überzeugend, so dass sich die anfangs erlebte Begeisterung, dann doch, sich in Grenzen hält..