Bevor die erste von insgesamt drei Silberscheiben im CD-Player liegt, steht eigentlich schon fest, dass kein Mensch noch eine Gesamtaufnahme jener Oper braucht, deren Popularität alle denkbaren Schmerzgrenzen längst überschritten hat. Doch mit dem ersten Takt, den Michel Plasson am Pult des Orchestre National du Capitole de Toulouse schlägt, mutiert das desinteressierte Achselzucken zum verblüfften Hochziehen der Augenbrauen, denn was in diesem Moment und in den nächsten Minuten und Stunden zu hören ist, klingt über weite Strecken so außergewöhnlich, dass selbst ausgewrungene Floskeln wie die von der musikalischen Sternstunde wieder ins Blickfeld des Betrachters rücken.
Dieser überraschende Befund ist - und das überrascht nun nicht - in erster Linie der von ihrer angestammten Sopran- in die Mezzolage gewechselten Angela Gheorghiu zu danken, die Carmen mit einer vokalen und emotionalen Intensität ausstattet, die in neuerer Zeit tatsächlich beispiellos sein dürfte. Ihr Lebens- und Bühnenpartner Roberto Alagna kann ihr in diese Regionen - wie so oft - nicht wirklich folgen, doch sein Don José wächst mit den Herausforderungen der überragenden Gegenspielerin und findet in den Szenen mit der fantastischen Inva Mula (Micaela) sogar zu berührender Eindringlichkeit. Thomas Hampson lässt es als Escamillo erklärlicherweise eher derb zugehen, doch auch sein Rollenporträt verdient ein Sonderlob für jene verblüffende Genauigkeit des Einfühlungsvermögens, die sich eben nicht bei jeder x-beliebigen Produktion einstellen will.
Zu guter Letzt bleibt dann also nur die Feststellung: Auf diese „Carmen" hat die Welt gewartet, zumal die Aufnahme als besonderes Bonbon die Ersteinspielung einer früheren Fassung der berühmten „Habanera" enthält.