Dieses Buch verschlägt einem den Atem. Vor der schieren Fülle der Gegenstände und Themen, die hier abgehandelt und miteinander in Beziehung gesetzt werden. Wobei es nie um lockere, assoziative Verknüpfungen geht, sondern um tieliegende Struktur- und Formgemeinsamkeiten. Im Zentrum steht das Werk eines genialischen logischen Philosophen, der beides ausdrücklich nicht sein wollte: weder Logiker -vielmehr Mathematiker, besser Strukturmathematiker- und schon mal gar nicht 'Philosoph'. Und das Verrückte ist, daß ihm mit seiner neuen Grundlegung einer Differenzen- und Prozesslogik (wie gesagt: eigentlich Differenzen-, Prozeß-'Mathematik') ein auch an philosophischen Elementarkonsequenzem derart reicher Wurf gelungen ist, daß sich "Anwendungen" in den unterschiedlichsten Bereichen ergeben haben und vor allem -da bin ich sehr sicher- noch ergeben werden (siehe unten).
Die "Einführung" der drei Autoren und Autorinnen wächst sich unter diesen Umständen zun einem Themen-, Ideen und Gedankenkonzentrat aus, auf das die Bezeichnung "Lehrbuch" nur höchst oberflächlich passen will. Im Zentrum finden wir eine minutiöse Rekonstruktion des "Calculus of Indications", des Herzstücks der "Laws of Form", eine schwindeleregende, aber stets auch ausgezeichnet geerdete Mikrolektüre der 12 Kapitel, in denen George Spencer Brown (GSB) seinen Calculus entfaltet. Darum herumgelagert dann substantielle Einblicke in die "Anwendungen" sowie die Denkkontexte, in denen GSB steht.Wir haben es mit einem Schüler von Bertrand Russell und WIttgenstein zu tun, der auf seine eigene, höchst produktive Weise einen Ausweg aus der berühmt-berüchtigten "Grundlagenkrise" der Mathematik und Logik ab den 20er Jahren des 20. Jhs gewiesen hat. Mit einigem Recht kann man seine Mathematik des Indikationen- (in anderer Akzentuierung: des Formen-) Kalküls als eine fortsetzende Realisierung dessen ansehen, was Wittgenstein im berühmten Satz 7 seines Tractatus logico-philosophicus ("Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen")dem -allerdings konstruktiv-produktiv gemeinten- Schweigen überantwortet hatte. War der Dichter Stefan George der Meinung "kein ding sei wo das wort gebricht", so läßt sich mit guten Gründen GSB's Formenkalkül in seiner eigenwilligen neuen, supervereinfachten Form als einzig mögliche 'Sprache des Schweigens' ansehen--eben in Form der besagten Kalkülsprache (Russell: "Er hat ein neues Kalkül gemacht, von großer Macht und Einfachheit"). Das stellt eine so eigenwillige wie eigenständige alternative Art dessen dar, was Wittgenstein selbst, als Selbstkritik an seinem eigenen Tractatus, in seiner späteren Philosophie versucht hat--einen alternativen "Wittgenstein II" gilt es zu
entdecken!
Die bisherige Rezeption in der General Systems Theory, vor allem in Luhmanns Soziologischer Systemtheorie sowie in der "2nd Order Cybernetics" (Heinz v. Foerster und Mitstreiter) stellt bei Tag besehen eher so etwas wie eine Sackgasse dar. Den "Laws of Form" aus dieser Sackgasse herauszuhelfen - durchaus wie Wittgenstein "der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas"- ist das eigentliche Ziel der Autorinnenen und Autoren. Was dabei aufscheint, ist ein völlig neuer gedanklicher und ideenmäßiger Kontinent um die elementare Injunktion/Anweisung "Draw a distinction" dh um diese "first distinction" und ihre gesetzmäßigen Konsequenzen herum, die in endlicher Schrittfolge des jeweils interpretierten Kalküls zur Ausdifferenzierung der diversen Welten und Universen führen muß. Es ist ein Entwurf, der den weiten Atem einer mathesis universalis vom Schlage Leibnizens mit den Elementen der modernen Paradoxien- und Reflexionslogik verbindet und anschlußfähig macht zu heutigen Frontforschungs-
gebieten wie einer fundierter Prozeßlogik (zB J. van Benthem), der mathematischen Knotentheorie (Louis Kauffman, einer der wichtigsten mathematischen Laws-of-Form-Fortsetzer) sowie der mathematischen Kategorientheorie (David Corfield)- und all das in einer "differenztheoretischen" Grundsprache, die eine erhebliche Vereinfachung und eigentliche Fundierung der französischen poststrukturalistischen Differenzphilsophie (Deleuze, als einer für Viele) impliziert.
Nicht zuletzt sind die eurozentrischen logisch-philosophischen Grenzbefestigungen einem ersten Erweiterungstest ausgesetzt, indem GSB die Essentials seines "westlichen" elementarmathematischen Kalküls in sehr aufschlußreiche produktive Wechselwirkung mit Kernstücken der buddhistischen Madhyamika-Philosophie des Mahayana-Buddhismus(4. Jh n.Chr.) versetzt, deren berühmtester -von ihm namentlich ausgesparter- Verteter Nagarjuna ist. Das macht die Laws -last but not least- direkt anschlußfähig zu den vielerlei Versuchen westlicher Quantentheoretiker zB, in Arbeitsgruppen um den Dalai Lama herum (darunter auch Anton Zeilinger) elementare Neukonzeptualisierungen zum Verständnis der Grundlagen unserer Physik dh unseres gesamten naturwissenschaftlichen Weltbildes durchzuspielen.
Kurz: ein Buch wie ein Füllhorn - dazu trotz der anspruchsvollen Themen spannend geschrieben von der ersten bis zur letzten Zeile!!