Wenn etwas über George Orwell bekannt ist, dann wohl seine Neigung zur Bescheidenheit; sein Hang zum Untertreiben der Dinge, ganz besonders dann, wenn sie ihn selbst betreffen. So diente er in der Kolonialpolizei in Burma, aber das Klima "ruinierte" seine Gesundheit. Anschließend verbrachte er anderthalb Jahre in Paris als Schriftsteller, aber kein Verlag wollte seine Werke herausbringen. Schließlich kämpfte er im Spanischen Bürgerkrieg, aber die Erfahrung erfüllte ihn mit einem "Horror vor Politik". Also ein Leben voller Niederlagen und Enttäuschungen? Nur so lange man dem Selbstportrait des berühmten englischen Autors glaubt. Denn immerhin haben wir es hierbei mit demjenigen zu tun, der mit "Animal Farm" ("Farm der Tiere") seinen Durchbruch erlangte - und natürlich nie mit solch einem Erfolg gerechnet hätte. Spätestens aber mit "1984" konnte selbst der große Selbstzweifler es nicht mehr bestreiten: George Orwell war nicht nur ehrgeizig, er hatte auch Erfolg.
Autor Michael Sheldon hat sich mit der gleichnamigen Biographie von George Orwell einer großen Aufgabe gestellt: Immerhin gab es schon Versuche vor ihm, das Leben des Schriftstellers festzuhalten. Doch wie er selbst in seiner Einleitung betont, reicht es nicht, bloß Fakten aneinander zu reihen und Lebensabschnitte zu beschreiben: Die Hauptperson, George Orwell, muss ebenfalls zu Wort kommen und die eigene Geschichte mit Leben erfüllen. Diesem Anspruch ist das aus dem Amerikanischem von Matthias Fienbork übersetzte Werk durchaus gerecht geworden: Der Leser fühlt sich in dieser Biographie der Hauptperson nah und kann dessen Handeln gut nachvollziehen.
Doch nicht nur das Leben von George Orwell beschreibt Michael Sheldon überaus verständlich: Auch das Zeitgeschehen, die der 1903 als Eric Arthur Blair geborene Autor durchlebte, spielt ein große Rolle: Englands Vormachstellung in Indien, die auch George Orwell widerwillig als Kolonialpolizist in Burma unterstützte. Seine Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg sowie die kommunistischen Strömungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die er hervorragend in "Animal Farm" verarbeitete.
Bei Michael Sheldon ist George Orwell kein Held, der mit der Wundergabe "Schreiben" gesegnet war. Stattdessen stellt er dessen Entwicklung dar und traut sich auch, auf Schwachstellen in seinen Romanen, Essays und Gedichten aufmerksam zu machen. Die Schriftstellerei bedeutete George Orwell alles, und er hatte das Bedürfnis, so viel wie möglich von seiner Person in seine Arbeiten hineinstecken zu müssen. Auf diese Weise schuf er zahlreiche Prosatexte, die mitunter lyrische Qualitäten aufweisen. "Und gelungen ist ihm das vor allem deswegen, weil er es - ganz einfach - für das Richtige hielt."