So heißt die Autobiographie von George Martin, die schon 1979 erschien. Was man dort nach-lesen kann, ist hier eindrucksvoll nachzu-hören. Sechs CDs mit originellen und originalen "Parlaphone"-Labelaufdrucken in einem eleganten Klappcover, zu einem luxuriösen Preis. Was meinen Sie? Es sei schon immer etwas teurer gewesen, einen besonderen Geschmack zu haben? Da kann ich nicht zustimmen. George Martin hat (vor allem in den 50er und 60er Jahren) die denkbar kommerziellste und gleichzeitig anspruchsvollste Musik produziert!
Das Problem für einen heutigen Durchschnittshörer dürfte sein, die mannigfachen Stil- und Geschmacksrichtungen aus fünf Jahrzehnten zu akzeptieren. Jeder hat meist gewisse Vorlieben, die durch diese DVD-Box nur teilweise abgedeckt werden können. Wer etwa nur auf Beatles-Stücke hofft, wird ziemlich enttäuscht werden: gerade mal vier hinlänglich bekannte Titel werden dargeboten. Darum geht es ja aber nicht. George Martin war musikalisch ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, und überall war er bemerkenswert erfolgreich, in erster Linie als Produzent. Um das OEuvre eines solchen Menschen zu würdigen, bedarf es schon eines Superweitwinkelobjektives.
Sie werden auf den Scheiben viele Titel entdecken, die restlos überzeugen. Besser hätte man sie damals wohl kaum einspielen können. Zu bedenken ist natürlich, daß man alle Aufnahmen im Rahmen ihrer Zeit sehen muß! Alles andere wäre unfair. Vergleichen wir es mit Automobilen: Niemand würde darüber lächeln, daß ein Sportwagen der 50er Jahre "nur" 100 PS hat, wo doch heute jeder bessere Kleinwagen entsprechend motorisiert ist. Damals war die Motortechnik halt noch lange nicht so weit wie heute. Ist jedem klar. Aber das Design solcher Oldtimer ist auch heute noch irgendwie "anders", einfach originell. Da guckt man gerne hin und freut sich.
Ähnlich verhält es sich mit Musikaufnahmen aus jener Zeit, hier zum Beispiel solchen, denen George Martin als Produzent seinen Stempel aufgedrückt hat. Die meisten seiner Aufnahmen aus jenen Jahren sind zudem in den legendären Abbey-Road-Studios entstanden. Sie überzeugen auch heute noch durch ihren überaus natürlichen, warmen Klang.
Alle Tracks sind sorgfältig digital remastered und klingen mit wenigen Ausnahmen frisch und sauber. Als leidenschaftlicher Kopf-Hörer bevorzuge ich freilich die stereophonen Einspielungen, die jedoch erst ab 1958 entstehen konnten. So hört man halt auch einige einohrige Stücke. Und George Martin hat immer wieder darauf hingewiesen, daß die frühen Beatmusik-Produktionen bis mindestens 1963/64 stets monophonen Charakter hatten. Nur der Ordnung halber wurden sie damals relativ lieblos auch in Stereo abgemischt. Und das war immer ein technisches Problem. Hört man diese "Ping-Pong"-Aufnahmen über Kopfhörer, dann klingen sie für heutige Ohren befremdlich: Links der Basistrack (Gitarren und Percussion), rechts dasselbe, leiser und verhallt, aber Solo- und Chorgesang darübergemischt. Man hatte eben nur zwei Spuren und eine Band, in der die Sänger auch ein Instrument spielten.(Mit Orchesteraufnahmen sah das freilich ganz anders aus.)
Das ist der Grund, weshalb einige Stücke aus dieser Zeit hier in Mono angeboten werden, obwohl sie anderweitig auch in Stereo vorliegen.
Nachdem Geroge Martin bis zum Beginn der 60er Jahre sehr viele Kabarett- und Comic-LPs (z.B. mit Peter Sellers) für das stiefmütterliche Parlaphone-Label (= EMI) produziert hatte, war er auf der Suche nach etwas ganz anderem, neuem. Es sollte im Bereich der reinen Popmusik liegen. Denn Martin beobachtete den Markt sorgfältig und wunderte sich darüber, mit welch scheinbar geringem Aufwand sehr erfolgreiche Künstler vermarktet wurden, z.B. Cliff Richard. Damals begann der Siegeszug der sog. Beatmusik und ähnlicher Stilrichtungen. Es ist hier müßig zu fragen: Was wäre gewesen, wenn George Martin die Beatles nicht kennengelernt hätte? Diese Frage kann niemand wirklich beantworten. Ich bin der Meinung, daß es die Beatles dann nicht sehr lange gegeben hätte bzw. daß sie nach der kurzen Zusammenarbeit mit Bert Kaempfert in kürzester Zeit wieder von der Bildfläche verschwunden wären - trotz ihrer Genialität! Denn diese wurde erst herausgefordert durch George Martin. Ein bescheidener Mann, very british! - aber knallhart professionell. Und das haben die Beatles gebraucht, vor allem zu jener Zeit die Songschreiber Lennon/McCartney: einen distingierten, vornehmen "Vater", zu dem sie aufblicken konnten, dem sie es aber auch zeigen wollten. Und sie haben es ihm und aller Welt gezeigt.
Aber George Martin war nicht nur der Produzent der Beatles (gerade mal sechs Jahre hat er intensiv mit ihnen zusammengearbeitet, also etwa nur ein Achtel seines Berufslebens!). Das allein wäre freilich schon mehr als genug, es würde aber die Universalität dieses Mannes nicht vollständig wiedergeben. Zu nennen ist ganz gewiß die fruchtbare Zusammenarbeit mit Ron Goodwin, u.a. im Bereich "Filmmusik". Aber man höre z.B. auch den hübschen Titel "Robin Hood", den man aus der TV-Serie noch gut im Ohr haben dürfte. Und so reihen sich seine Produktionen auf - wie Perlen an einer Kette.
Das Beiheft ist sehr ausführlich, leider etwas klein gedruckt und nur in Englisch. Jedem zeitgenössischem Produzenten und jedem musikinteressierten Menschen kann diese musikalische Biographie wärmstens empfohlen werden. Als ideale Ergänzung hierzu empfehle ich George Martins Memoiren (s.o.), die man natürlich separat kaufen muß (auch sie liegen nur in englischer Sprache vor).
Die Aufnahmen reichen bis in die späten neunziger Jahre hinein, die berühmtesten entstanden aber wohl in der Zeit zwischen 1955 und etwa 1975.
Am Ende ist eines gewiß: Ein Rezept zum Herstellen von Hits wird man schwerlich finden. Letztlich ist alles eine Frage des Könnens, der Intuition, der Begabung und der Kreativität der Künstler. Und nicht zuletzt bedarf es unkalkulierbarer, positiver Zufälligkeiten, um das ganz große Ding zu drehen. Unabdingbare Voraussetzung dafür sind, wie George Martin zu Recht meint, kluge Ohren: "All you need is ears".