Ich kann mich noch an den Tag erinnern, als ich in den Nachrichten von George Harrisons Tod hörte. Zu seinem 10. Todestag erscheint endlich die langersehnte Doku über meinen Lieblings-Beatle. In den Händen von Regisseur Martin Scorsese konnte nicht viel schief gehen: zu den Interviewten gehören Paul McCartney, Ringo Starr, Yoko Ono, George Martin, Pattie Boyd, Neil Aspinall, Derek Taylors Witwe Joan, Ravi Shankar, Phil Spector, Billy Preston, Eric Clapton, Sohn Dhani, Ehefrau Olivia, Ray Cooper, Jim Keltner, Tom Petty, Klaus Voormann und Astrid Kirchherr, Harrisons Brüder Harry und Pete, Rennfahrer Jackie Stewart sowie Terry Gilliam und Eric Idle von Monty Python. Die lange Vorbereitungszeit zeigt sich schon darin, dass einige der Interviewten vor ein paar Jahren gestorben sind (Billy Preston, Neil Aspinall) oder aus anderen Gründen schon seit einiger Zeit nicht mehr für aktuelle Interviews zur Verfügung stehen (z.B. Phil Spectors Haftstrafe wegen Mordes). Schade nur, dass Jeff Lynne und Bob Dylan nicht dabei sind!
Auf zwei DVDs (94 & 112 Min.) spannt Scorsese den Bogen über Harrisons Leben von seiner Geburt über seine Zeit bei den Beatles und seine Solokarriere bis zu seinem Tod. Dabei beleuchtet er Harrisons Humor, seine Rolle bei den Beatles, seine Entwicklung zum Songschreiber, seine Drogenerfahrungen und seine spirituelle Suche, den Einfluss Ravi Shankars und der indischen Musik, das '71er Bangla Desh-Konzert, seine Liebe zum Gärtnern und zur Ukulele, die Traveling Wilburys und schließlich seine Krebserkrankung. Leider kommt seine Solokarriere als Musiker eindeutig zu kurz.
Was mich besonders freut, sind die zahlreichen Ausschnitte aus Privatfilmen und vor allem bisher selten oder nie gesehene Auszüge aus Livemitschnitten, Fernsehinterviews und Pressekonferenzen und besonders Unveröffentlichtes aus den Beatles-"Anthology"-DVDs. Ich habe hier z.B. zum ersten Mal Einblicke in Harrisons '74er Tournee bekommen, bei der er so heiser war, dass man wohl weiterhin nicht mit einer Veröffentlichung zu rechnen braucht.
Natürlich sind auch zahlreiche Songfragmente zu hören, darunter etliche in frühen Demo-Versionen (While my Guitar gently weeps) oder in alternativen Abmischungen oder Versionen (I'd have you anytime), fast alle leider nur sehr kurz angespielt. Dass die meisten davon für Interviewsequenzen abrupt unterbrochen werden, ist etwas gewöhnungsbedürftig; dafür stört dann auch keine Musik im Hintergrund die Verständlichkeit des gesprochenen Wortes.
Die deutschen Untertitel sind bis auf zwei, drei Stellen (wie üblich die, bei denen es um Studiotechnik etc. geht) sehr gelungen. Zu Beginn beider DVDs muss man erst nervige Werbung überspringen, aber dafür kann der Film nichts.
Scorsese hat zum Glück keine posthume Heldenverehrung fabriziert: einige Weggefährten äußern freimütig, dass Harrison neben seinem sanften, liebe- und humorvollen Wesen auch eine dunkle Seite hatte, die sich in Wutausbrüchen äußern konnte, und Olivia Harrison lässt durchblicken, dass in ihrer Ehe lange nicht alles eitel Sonnenschein war und die wechselseitige Anziehungskraft zwischen ihrem Mann und der Damenwelt das Eheleben oft auf harte Proben stellte.
Besonders am Ende wird es sehr berührend, wenn Paul und Ringo sich an ihren Abschied von George erinnern und Olivia Harrison über den Mordversuch des geistig Verwirrten berichtet, der versuchte, ihren Mann zu töten, was diesen, wie Sohn Dhani erzählt, im Kampf gegen den Krebs Jahre seines Lebens kostete.
Scorsese ist eine sorgfältige, liebevolle, aber nicht verklärende Dokumentation über Harrisons Leben gelungen. Sie ist nicht so spektakulär wie vergleichbare DVDs über andere Rockstars - aber eben auch das passt zu der eher ruhigen Art, wie Harrison lebte und sich in der Öffentlichkeit gab.