"Middlemarch" ist eine Geschichte über das Leben mehrerer Personen, die in dem Städtchen zu ihrem persönlichen Glück finden möchten. Im Mittelpunkt steht Dorothea Brooke, die einen Sinn im Leben sucht und deswegen den Gelehrten Casaubon heiratet, der um Jahre älter ist als sie. Sie hofft, ihn bei seinem Buch, dass er bald vollenden und veröffentlichen möchte, unterstützen zu können, merkt aber bald, dass ihr Mann alleine sein Lebenswerk fertig stellen möchte. Sie schafft es nicht, dass er sie an seiner Gedankenwelt teilhaben lässt und merkt, dass sie sich an seiner Seite zutiefst einsam fühlt. Da tritt Ladislaw in ihr Leben und sie spürt unbewusst, dass dies der Mann ist, mit dem sie glücklich werden würde.
Eine andere "große" Geschichte ist die des Arztes Lydgate, dem seine ganze Leidenschaft der Medizin gilt und der sich für Rosamund interessiert, aber eigentlich mit einer Heirat noch warten möchte, um als Arzt Bedeutung zu erlangen. Doch mit der vorschnellen Heirat mit Rosamund, steht sein Ansehen als Arzt in Gefahr und der finanzielle Ruin bedroht seine junge Ehe, an der seine Frau nicht ganz unschuldig ist.
Nebenbei wird noch die Geschichte um Fred erzählt, der der Bruder von Rosamund ist, auf verschwenderischen Fuß lebt und der sich in das Hausmädchen Mary verliebt. Die will ihn aber erst nehmen, wenn er sein Leben nützlich verbringen kann.
Neben diesen drei Geschichten geht es auch noch um andere Schicksale, die ich aber hier nicht näher ausführen werde. Ich muss sagen, am Anfang fieberte ich mit, wie es mit Dorothea weitergehen würde. Sehr spannend fand ich auch die Darstellung ihrer unglücklichen Ehe mit Casaubon. Als Ladislaw dazukam, wurde die Geschichte noch facettenreicher. Doch ich muss leider sagen, dass sie etwas an Intensität abnahm, als ihr Mann starb. Besonders in Teil 6 und 7 war Dorothea nach meinem Empfinden, nur noch als Randfigur zu sehen und die Liebe zu Ladislaw kam mir zu oberflächlich vor, so dass ich irgendwie nicht so richtig mit den Beiden mitfiebern konnte. Zwar kam der obligatorische Kuss, aber die Aussprache der Liebenden fehlte mir, schließlich gab es viele Missverständnisse und Unausgesprochenes zwischen ihnen. Ich hätte auch gerne noch gesehen, was die Leute in Middlemarch denken bzw. damit umgehen, als sie erfahren, dass Dorothea mit Ladislaw zusammen gekommen ist. Ich könnte mir vorstellen, dass der Verlust ihres Erbes nicht so schmerzlich gewesen ist, wie die Missgunst einiger Leute in der Stadt, die das Paar vieleicht ignorieren werden. Das Ende kam mir deswegen etwas zu schnell vor, da ich aber den Roman nicht gelesen habe, kann ich mir an dieser Stelle kein Urteil erlauben.
Die spannende Geschichte um den Arzt Lydgate nahm für meine Begriffe zum Schluss den meisten Platz ein, so dass die anderen "Geschichten" etwas zu kurz kamen, wie auch die um Fred und Mary. So konnte ich mit manchen Personen nicht so richtig mitleiden, was dazu führte, dass teilweise bei mir etwas Langeweile aufkam, weil die Momente mit ihnen doch ein klein wenig zu kurz geraten waren.
Fazit: Trotz allem finde ich die Verfilmung sehr interessant und in den meisten Szenen spannend und kraftvoll inzeniert. Gerade der Schwenk auf die anderen Schicksale, die in der Stadt ihr Glück suchen, macht den Film sehr abwechslungsreich und ich als Zuschauer bekomme einen genauen Einblick in das Leben der Städter, mit all ihren Höhen und Tiefen. Für das Jahr 1994 gibt es sehr schöne Landschaftsaufnahmen und auch die Innenräume wirken authentisch und echt. Vergleicht man hierzu BBC-Verfilmungen, die ein paar Jahre zuvor gedreht wurden, so kommt dort noch eine regelrechte Studio- und Theateratmosphäre auf. Man sieht hier schon den Trend zur Authenzität und Natürlichkeit, denn ein Jahr später sollten die Zuschauer bei "Stolz und Vorurteil" diese Echtheit vollends genießen dürfen, zumal die Macher richtiges Filmmaterial benutzt haben und auf Studioaufnahmen weitestgehend verzichtet haben. Der Film bekommt von mir vier Sterne und ich kann ihn bedenkenlos an alle Liebhaber, die sich für literarische Verfilmungen interessieren, wärmstens empfehlen.