Dieses Werk Händels kann sprachlos machen. Es begegnet ein dichtes Portrait Englands, ein Sittengemälde, ein Stück echtes Theater (im 2. Akt) und ein intensives "Abschreiten" menschlicher Emotionen im dritten Teil, dem Höhepunkt des ganzen Werkes.
Die Musik glänzt durchweg durch ihr hohes kompositorisches Niveau und ihre sehr gute Aufführungsqualität. Die Solisten singen meisterhaft. Der Altus Andreas Scholl in der Rolle des Salomo ist sicher eine historisch nicht korrekte Besetzung - aber einfach genial.
Viele Chöre sind prachtvoll doppelchörig gesetzt. Sie agieren lebendig und frisch, absolut sauber und klar in Aussprache und Intonation. Sie gehören allesamt zum Besten aus Händels Feder. "Draw the tears" und "Praise the Lord" sind einfach umwerfend.
Das Orchester spielt mit federnder Leichtigkeit. Besonders beeindruckend klingen die Blechbläser. Im Chorsatz "Praise The Lord" ist deren Klang vielleicht ein wenig zu wuchtig geraten.
Der Schlusschor des dritten Aktes mit seiner großen Weite und jubelnden Kontrapunktik hat zumindest für heutige Ohren eindeutig finalen Charakter. McCreesh's Argumente, den originalen Händel - Schluss des Oratoriums mit noch einigen wunderschönen Arien und einem knappen Schlusschor beizubehalten, sind zwar gut nachzuvollziehen, beim Hören überwiegt aber der Eindruck, dass nach dem großartigen Finale der "Masque" des dritten Aktes nichts mehr kommen sollte.
J.E. Gardiners Vorschlag, einige Arien umzugruppieren und "Praise The Lord" als Schlusschor zu verwenden, finde ich überzeugender.
Sehr instruktiv ist Ruth Smith's kleiner Essay im Beiheft zur geistes- und kulturgeschichtlichen Einordnung des Oratoriums.
Eine sehr zu hören lohnende Einspielung und ein grandioses Werk!