Anja Lundholm, die, wie in vielen ihrer Werke bewiesen über eim computerartiges Gedächrnis verfügt (vgl. zum Beispiel Das Höllentor) gelingt in diesem Roman ein unglaublicher Spagat. Sie beschreibt sowohl die Situation ihrer vom despotischen und mit dem erstarkenden NS-Regime sympatisierenden Vater dominierten Familie, als auch das alltägliche Leben im Deutschland der beginnenden 30er Jahre vor der Machtergreifung durch Hitler und darüberhinaus gibt sie Einblicke in das Leben einer jüdischen Familie in Zeiten des allgegenwärtigen Antisemitismus. All das geschieht, und das ist das fabelhafte, aus der Perspektive eines etwa achtjährigen Kindes, das nicht anders kann, als die Welt so zu sehen (und zu beschreiben) wie sie ist. Herausgekommen ist ein für mich erstaunlich völlständig erscheinendes und gleichsam erschreckendes Bild der Gesellschaft im Deutschland der 30er Jahre. Einerseits die arbeitende Bevölkerung, die auf eine Besserung der wirtschaftlichen Situation hofftund um die eigenen Pfründe fürchtet, andererseits jüdische Familien, die zunehmenden Drangsalierungen und Terror ausgesetzt sind, wie die Großeltern der Erzählerin, zu denen sie mit ihrer Mutter flieht, nachdem der Vater sich eine Geliebte zugelegt hat. Das Ende vom Lied ist, daß sie mit ihrer Mutter zu ihrem Vater (ausgerechnet nach Düsseldorf) zurückkehrt. Die Gründe hierfür liegen in dem traditionsbewußten Familiensinn der Mutter einerseits und in der (falschen) Hoffnung, der nicht jüdische Vater könnte sie vor den marodierenden SA und SS.-Männern schützen andererseits. Das Ende vom Buch sagt alles. Der Vater droht der soeben heimgekehrten Tochter Schläge an: Willst Du ein Paar hinter die Löffel? Die Antwort der Tochter und der letzte Satz ist: Ich war wieder zu Hause. Da kann man wenig hinzufügen...
Anja Lundholm, die ich für die bedeutendste lebende Autorin Deutschlands halte, beschreibt all dies sehr gewieft mit einer kindlichen Sprache, die sehr intelligent einerseits ist, andererseits durch beabseichtigte Rechtschreibfehler (z.B. Britsch- statt Bridgedspiel), welche vereinzelt auftreten, als eindeutig einem Kinde zugehörig ausgewiesen ist. Psychologisch ist dieser Roman ebenfalls außerordentlich intelligent, er gibt weite Einblicke in die Gedankenwelt eines achtjährigen Kindes. Besonders hervorzuheben sind die ausführlich beschriebenen Träume des Kindes aber auch ihre Spiele, in denen sie jedem ihrer Kuscheltiere und fast jedem Möbelstück eine Rolle zugedacht hat. Auch läßt die Erzählung Rückschlüsse zu bezüglich des Psychogramms eines Faschisten: des Vaters.Er wollte einen Sohn haben, hat seine halbjüdische Frau des Geldes wegen geheiratet und lehnt jede körperliche Nähe (außer zu seiner Geliebten) ab, worunter das Kind sehr leidet.Er neigt im privaten Bereich zu Wutausbrüchen und Gewalttätigkeit, was wiederholt eindrucksvoll geschildert wird.
Ein vielschichtiges, hochintelligentes Buch, das trotz all der beschriebenen Tragik (wie bei allen Büchern von Anja Lundholm) den Leser (der dieses Buch kaum wegzulegen vermag) am Ende versöhnlich stimmt. Glückwunsch an den Verlag Langen Müller zum Entschluß, das Werk dieser großen (gleichsam wenig bekannten) Autorin neu aufzulegen.