Neue Zürcher Zeitung
Geophilosophie
mim. Nietzsches bedenkenswerte Notiz, dass gute Gedanken ergangen werden müssten, mag schon in den Bereich vorausdeuten, den das hier anzuzeigende Buch mit dem eigenwilligen Ausdruck «Geophilosophie» thematisiert: die unhintergehbare Positioniertheit von Denken. In ihrem letzten Buch brachten Gilles Deleuze und Félix Guattari - die erkennbar als philosophische Kronzeugen des Autors firmieren - den Sachverhalt in nuce zur Sprache: «Denken geschieht . . . in der Beziehung zu dem Territorium und zu Terra, der Erde.» Den beiden Franzosen gemäss hat Nietzsche die Geophilosophie dadurch begründet, «dass er die Nationalmerkmale der französischen, englischen und deutschen Philosophie zu bestimmen suchte». Den Hinweis greift Stephan Günzel auf, indem er die rezeptionsgeschichtlich bisher allenfalls am Rand vermerkten geographischen Metaphern ins Zentrum seiner Nietzsche-Deutung rückt. So erscheinen sie als Ausdruck einer Kritik am historischen Denken seiner Zeit, das Nietzsche durch ein geologisch-kartographisches Philosophieren zu überwinden versucht habe.
Kurzbeschreibung
Wanderschaft und Denken. – Wie kein anderer hat Nietzsche diese Verbindung in seinem Leben und Schreiben hergestellt. Im gleichen Maße, in dem er sich als Philosoph stets an neuen Positionen versucht, experimentiert er mit den Orten seiner Existenz. Dieses Charakteristikum findet seinen Ausdruck zunächst in der räumlichen Form der Texte Nietzsches, den thematisch grenzziehenden und zugleich stilistisch Atmosphären bildenden Aphorismen. Darüber hinaus war Nietzsche aufgrund seines empirischen Interesses ein intensiver Leser erdkundlicher und erdgeschichtlicher Werke. Hierdurch entsteht in seinen Texten eine von der Rezeption bislang nur unzugänglich erschlossene Mischung aus geographischen Metaphern und Referenzen. In der Studie von Stephan Günzel wird erstmals Nietzsches Abwendung vom zeitgenössischen, historischen Denken entlang geologischer und kartographischer Leitmotive nachgewiesen. Diese sind der Schlüssel zum Verständnis der metaphorischen Landschaftsschilderungen und ihrer Erhebung zur philosophischen Konzeption dessen Werk. Wie Vergleiche mit Platon, Kant und Hegel zeigen, stellen besonders die geographischen und kosmologischen Motive des "Zarathustra" – das Meer, die Wüsten, die Berge, der Himmel und die Sonne – eine Kritik am traditionellen Bildgebrauch in der Philosophie vor Nietzsche dar.