So schwierig die Lektüre dieses Buches ist, so einfach ist seine Einordnung.
Es stellt den dritten - und vielleicht größten - Schritt vorwärts in der Mathematischen Musiktheorie (vom Autor sinnigerweise "MaMuTh" genannt) dar.
Den ersten (oder eher den nullten) machten die Pythagoräer, indem sie versuchten, die ihnen zur Verfügung stehenden mathematischen Mittel zur Beschreibung und Erklärung des musikalisch Wesentlichen, ja sogar des musikalisch Schönen einzusetzen.
Trotz vieler bemerkenswerter Bemühungen seit dem Ende der Scholastik, erfolgte der zweite erst nach über 2000 Jahren mit der Arbeit "Tentamen Novae Theoriae Musicae" (1739) des Mathematikers Leonhard Euler, der als Erster die in der MaMuTh notwendigen mathematischen Räume beschrieb.
Wieder vergingen Jahrhunderte mehr oder weniger ereignislos, bis schließlich der Mathematiker und Pianist Guerino Mazzola den dritten, bislang größten Schritt vorwärts unternahm, indem er, wie seinerzeit Euler, das volle Instrumentarium der zeitgenössischen Mathematik zur Untersuchung zentraler musikalischer Topoi wie Konsonanz-Dissonanz-Dichotomie, Kontrapunkt, Modulation, die Klassifikation lokaler und globaler musikalischer Gestalten, oder der Theorie des Streichquartetts zum Einsatz brachte. Das vorliegende Buch versteht sich als eine Einführung in diesen Forschungsbereich, und stellt, da es inzwischen schulebildend gewirkt hat, eine absolute Referenz in der Mathematischen Musiktheorie dar.
Natürlich ist die Einschätzung des Autors, das Buch sei für einen "breiten, interessierten Leserkreis" geschrieben, zwar gut gemeint, aber man braucht schon etwas mehr als nur Abitur-Mathematik um in GdT über das vierte Kapitel hinauszugelangen.
Die Zeiten, da man allein mit einer humanistischen Ausbildung ernsthafte musikwissenschaftliche Forschung betreiben konnte, sind eben unwiederbringlich vorbei. Einzig die Instrumentarien der modernen Mathematik wie Algebraische Geometrie, Kategorientheorie oder Topostheorie sind dem hochkomplexen Gegenstand der Musiktheorie adäquat; sie lösen das jahrhundertelange, rein verbale Herumstochern am untersuchten Objekt ab.
Verständlicherweise wurde oft der Ruf nach einer Übersetzung ins Englische (Amerikanische) laut. Diesem folgt der Autor nun auf seine Weise: In Jahresfrist wird unter dem Titel "Topos of Music" ein 1200 seitiges Nachfolgewerk erscheinen, das die gegenwärtige Lage der Forschungsfront in der MaMuTh darstellt, und das mit seinem Umfang dem unerhörten Wissenszuwachs in den seit dem Erscheinen von GdT vergangenen zehn Jahren Rechnung trägt.
GdT bleibt jedoch als Einstieg unabdingbar und sei hiermit jedem musikalisch und/oder mathematisch Interessierten dringend zur Lektüre empfohlen.