Nach dem mehrmaligen Hören dieses elektronischen Meisterwerks bleibt eigentlich nur eine Frage unbeantwortet: warum nennen sich zwei Musiker aus Schottland 'Boards of Canada'? Ansonsten beantwortet diese heiße Scheibe alles, besonders meinen im Zeitalter von Dieter Bohlen und Ketchup Songs immer lauter werdenden Schrei nach guter, innovativer Musik. BoC liefert diese gleich im handlichen 23er Pack, wobei sich die Songs fast schon zu leicht durch die eigenen Gehörgänge in das hellwache Gehirn schleichen, um dort alle Hüllen ablegen und es so richtig krachen zu lassen. Wie nach einer heißen Liebesnacht hinterlassen sie anschließend den Wunsch nach baldiger Wiederholung, so dass man fast keine Wahl hat, als diese musikalischen Orgasmen wieder und wieder Revue passieren zu lassen. Vergleiche mit anderen Formationen sind dabei einfach und schwierig zugleich: Orbital scheinen gleich in mehreren Songs ihre Spuren hinterlassen zu haben, manches andere klingt dagegen ein wenig wie die guten Stücke von Terranova ("dawn chorus"), aber dann auch wieder doch nicht. Es ist halt Boards of Canada - die Jungs versuchen gar nicht erst eine gute Kopie von irgendwas anderem zu sein, sondern wollen ein noch besseres Original darstellen. Dabei kann man ihnen nur Erfolg auf der ganzen Linie bescheinigen, denn der eigene Stil ist von Anfang an herauszuhören. Das ganze Album hat dabei ein gleichbleibend hohes Niveau, so dass es fast unmöglich ist, einzelne Songs gesondert zu empfehlen. Manches klingt dabei recht triphoppig und downbeatig, anderes wiederum wie der neuste Chartbreaker aus ET's Lieblingsdisko (hier sei besonders "the devil is in the details" zu nennen, wo einem die Noten wie heisses Wachs auf den Rücken tropfen, nur um anschliessend wie Eiswasser weiter nach unten zu fliessen und den Hosenboden zu nässen. Ein bleibender Eindruck ist garantiert). Manches ist schon fast organisch zu nennen ("opening the mouth"), während anderes wiederum extrem elektronisch daherkommt. Die Idee, immer wieder recht kurze Zwischenstücke einzuschieben, ist dabei einfach nur genial und sorgt für ein Höchstmass an Abwechslung. Mein Fazit lautet daher: "Geogaddi" ist wie eine akustische Ayurveda-Therapie für die Ohren und sollte daher obligatorisch für alle Menschen sein, die aufgrund der erbärmlichen Musik des Massenmarkts in therapeutische Behandlung gehören. Es ist eine der besten Scheiben des Jahres 2002 mit fast schon prophetischer Bedeutung: so klingt die elektronische Zukunft!