Ich wollte mir einen soliden Überblick über den ersten Weltkrieg verschaffen- da schien dieses Heft das richtige zu sein. Allerdings hätte ich bei Weitem mehr erwartet:
- Leider hat man sich nur auf bestimmte Themen konzentriert: An der Westfront hat man die Schlacht von Verdun beschrieben, an der Ostfront vor allem Ludendorff und Hindenburg (die anderen Fronten hat man auf wenigen Seiten zusammengefasst). Die ersten Wochen des Krieges, in denen die Deutschen noch durch Frankreich durchspazierten und es noch keinen Stellungskrieg gab, werden nur kaum beschrieben und wichtige Schlachten höchstens erwähnt. Ich hätte mir gewünscht, dass man beispielsweise wenigstens eine halbe Seite der Schlacht an der Somme gewidmet hätte- immerhin haben dort 4 Millionen Menschen gekämpft. Auch die Frühjahrsoffensive der Deutschen 1918 wäre sehr interessant gewesen. An der Ostfront hätte man beispielsweise auch die bekannteste Schlacht, die Schlacht von Tannenberg, ein wenig behandeln können. Dazu wäre es noch schön gewesen, Aufmarschpläne oder beispielsweise eine Skizze des Schlieffenplans zu sehen.
- Es bleiben bei der Lektüre einige Fragen offen, z.B. "Warum hat Deutschland nun den Weltkrieg verloren? Immerhin kamen noch Truppen aus dem Osten nach dem Sieg über Russland an die Westfront (auch wenn die Amerikaner die Entente nun unterstützt hat)..." oder "Warum hat Deutschland Frankreich angegriffen?" (Darauf gehe ich später nochmals ein.)
Die erste Frage konnte ich mir einigermaßen beantworten, nachdem ich den Verlauf des 1.WK auf den letzten Seiten studiert habe: Offensichtlich sind vor allem die Fronten der Verbündeten zusammengebrochen und das deutsche Volk wurde kriegsmüde.
- Der wichtigste Punkt: Historisch ist einiges inkorrekt. Dabei ist vor allem das Kapitel, das Attentat von Sarajewo und die letzten Tage vor dem Krieg beschreibt, näher zu betrachten: Kaiser Wilhelm II. hat mit seinem Blankoscheck offensichtlich einen schweren Fehler begangen, das sollte man nicht bezweifeln. Allerdings wurde in dem Heft an keiner Stelle erwähnt, dass Russland und Frankreich vor dem Weltkrieg einen Beistandspakt unterzeichnet haben, der die Klausel enthielt, dass Frankreich und Russland sich bei JEDEM Krieg unterstützen würden. Sie helfen sich also nicht nur bei Verteidigungskriegen, sondern auch bei Angriffskriegen. Das hieß also für die deutsche Regierung im August, als Russland mobil machte, dass man davon ausgehen konnte, dass Frankreich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch in den Krieg eintreten wird. Deshalb hat man in Paris zu dieser Zeit angefragt, ob Frieden von Frankreich aus garantiert werde, wenn man gegen Russland Krieg führe. Aus Paris kam jedoch nur als Antwort, dass man nach "französischen Interessen" handeln werde. Im Klartext: Frankreich wird sehen, ob es, wenn Deutschland im Osten beschäftigt sein wird, in Westdeutschland einmarschieren wird oder nicht. Dass in dieser Situation die deutsche Reichsregierung sich entscheidet, Frankreich den Krieg zu erklären, ist daher verständlich.
In dem Heft ist allerdings nur davon die Rede, dass Frankreich und Russland einen Vertrag ohne wichtigere Zusammenarbeit unterzeichnet hätten und dass Deutschland gegenüber Frankreich Kriegsgründe inszeniert hätte, um dort einzumarschieren. Der Grund für die angebliche deutsche Kriegstreiberei gegenüber Frankreich wird nicht angegeben. Am ehesten könnte man dem Text entnehmen, dass man den Schlieffen-Plan erfüllen wollte, der einen Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Russland behandelte.
Neben dem Beistandspakt zwischen Russland und Frankreich wurde leider auch die Marokkokrise, in der Frankreich Deutschland Kolonien streitig gemacht hat, weggelassen.
Ein anderer Punkt, der mir aufgefallen ist, wäre die Neutralitätsverletzung gegenüber Belgien: Es wurde weder erwähnt, dass Deutschland Belgien vor der Neutralitätsverletzung noch angeboten hat, im Falle eines Durchmarsches der deutschen Truppen die entstandenen Schäden wieder gutzumachen, noch die Anfrage vonseiten Deutschlands an England, ob man im Falle einer Aufrechterhaltung der Neutralität gegenüber Belgien Frieden garantieren könne. England sah sich schließlich als Schutzmacht Belgiens, sodass man bereit war, auf eine Neutralitätsverletzung zu verzichten, wenn Krieg mit England hätte vermieden werden können. Aus England kam allerdings als Antwort, dass man selbst bei einer Aufrechterhaltung der Neutralität leider keinen Frieden garantieren könne.
Betrachtet man allein diese Punkte, trägt nicht Berlin (wie im Heft behauptet) sondern Paris/London/Petrograd die Hauptkriegsschuld.
Fazit: Insgesamt haben mir drei Punkte nicht gefallen, daher gibt es zwei Sterne. Immerhin waren ein paar Texte ganz schön zu lesen und die Bilder waren auch recht nett anzusehen. Aber wer einen soliden Überblick über den ersten Weltkrieg sucht, sollte von "Geo Epoche: der erste Weltkrieg" besser die Finger lassen.