Es war das Musical "Evita", im Jahre 1981 im Prince Edward Theatre in London erstmals gesehen, das mich zum Musical-Fan, gleichzeitig aber auch zum Freund Londons machte. So wurde das West End von London für mich zum "Broadway der nicht ganz so weit fortliegt".
Diese Zuneigung zur Hauptstadt der britischen Insel war es, die mich nicht am Zeitschriftenstand an "London - Geschichte einer Weltstadt" vorbeigehen ließ, ohne zuzugreifen. Es war das GEO-EPOCHE-Heft vom Oktober 2005, das die Stadt-Geschichte über den Zeitraum der Jahre von 1558 (eigentlich setzt diese schon viele Jahre vorher ein) bis 1945 behandelt.
Viele andere vor mir fielen auch schon in den Sog der ehemals "fortschrittlichsten Metropole des Planeten" (Michael Schaper, GEO-EPOCHE-Chefredakteur, in seinem Vorwort). Im April 1852 kam Theodor Fontane als Korrespondent an der Themse an. Einen Sommer lang schrieb er Feuilletons für Zeitungen in der deutschen Heimat. "Seit Jahren blick' ich auf England wie die Juden in Ägypten auf Kanaan", schrieb er schon früher einmal, und jetzt, drei Jahre nach der - gescheiterten - ersten deutschen Revolution: "Ich lobe mir das Land der Pressfreiheit, der Meetings und der Klubs, das Land voll politischer Bildung und Intelligenz, ich lob' es und rufe mit einem Blick auf Deutschland aus: Gott besser 's."
Überschrieben mit "Das Zentrum der Welt" beginnt der Band mit wunderschönen historischen Fotos Londons. - Einen Schnelldurchlauf der Stadtgeschichte gibt der Aufsatz "Laboratorium der Moderne", in dem uns Frank Otto von der Frühgeschichte, den Anfängen der ersten Siedlungen, dem römischen Londonium, mitnimmt in die städtischen Katastrophen der späteren Jahrhunderte - wie zum Beispiel "den wohl schlimmstmöglichen von 1665 und 1666: Erst kommt die Pest über London und rafft jeden sechsten der 400 000 Bewohner dahin. ... Im Jahr darauf wütet ein Feuer vier Tage und Nächte und vernichtet 80 Prozent der City."
Ein nächster Höhepunkt: die Geschichte der Königin Elisabeth, der ersten der bisherigen beiden. Cay Rademacher entführt uns in die Zeiten von Shakespeare und Sir Francis Drake. - In dem sich über viele Seiten streckenden Kapitel erfahren wir auch die Vorgeschichte, als sich nach den sog. Rosenkriegen, "den Kämpfen der adeligen Häuser York und Lancaster um den Thron", Elisabeths Großvater Heinrich, der spätere Heinrich VII., als lachender Dritter durchsetzte und den Weg zum Königtum für eine neue Dynastie, das Haus Tudor, bereitete: für den berühmteren Heinrich VIII. und eben dessen Tochter Elisabeth, der "jungfräulichen Königin". Elisabeth I., die spätere Vernichterin der Spanischen Armada.
Lang und breit ist auch das Kapitel über den "Dichter und Gentleman" William Shakespeare, von Jörg-Uwe Albig. "Revolution an der Themse" (des Berliner Journalisten Ralf Berhorst) streift die Zeiten Oliver Cromwells und König Karls I., dessen Kopf die Engländer, mehr als hundert Jahre vor der heute viel berühmteren Französischen Revolution, da die Guillotine noch nicht erfunden war, noch mit Henkersbeil in Handarbeit vom Rumpf des Körpers trennen mussten.
Was den London-Band der GEO-EPOCHE-Reihe auszeichnet, das sind meiner Meinung nach die großartigen, und großformartigen Abbildungen von Gemälden der verschiedenen Zeiträume: Stadtansichten, aber auch Kneipenszenen, Feste und Gelage und von anderen menschlichen Zusammentreffen. - "Finstere Geschäfte" (von Susanne Frömel) informiert über die "body snatchers", jene nächtlichen Leichendiebe, die im Dienste für Wissenschaft und Medizin die Körper von gerade frisch Verstorbenen bei Nacht und Nebel auf Friedhöfen aushoben, aus Leichenhallen stahlen, um sie der medizinischen Forschung zu verkaufen. (Doktor Frankenstein lässt grüßen).
Die vorgenannten Artikel sind nur einige - die interessantesten - der GEO-EPOCHE-Ausgabe. Wichtig zu erwähnen ist noch das Kapitel über Königin Viktoria ("Mutter des Imperiums" von Franz Lenze) und das über die Bombardierungen während des Zweiten Weltkriegs ("Tage der Bedrängnis" von Frank Otto).