Das Lehrbuch zeigt eindrucksvoll, wie verhärtet die Fronten von Gentechnikbefürwortern und Gentechnikgegnern sind. Seit Jahren tobt ein von beiden Seiten extrem emotional geführter Kampf, der jede Objektivität verloren hat. Renate und Frank Kempken sind ganz klar den Befürwortern zuzurechnen. (Das merkt man auch an den verwendeten Fotos und Bildern: Ein Teil stammt direkt von Monsanto = DER Gentechnikriese und Albtraum aller Umweltaktivisten schlechthin.)
Sprachlich und technisch hat das Werk alles, was man von einem interessanten Lehrbuch erwarten darf. Auch die Gliederung ist vorbildlich.
Die beiden Autoren verstehen es, die Grundlagen der Gentechnik sehr übersichtlich zusammenzufassen. Da Laien mit manchen Fachbegriffen (finden sich reichlich) wenig anfangen dürften, gibt es ein umfangreiches Glossar.
Extrem problematisch wird es leider bei der Wissenschaftlichkeit. Hier verfallen Renate und Frank den branchentypischen Bissmustern: Im Vordergrund steht nicht die Objektivität, sondern Lobbyismus in seiner schlimmsten Form. Gnadenlos wird jede Gefahr der Gentechnik schlichtweg geleugnet. Schlimmer noch, die Autoren schrecken nicht einmal davor zurück, ökologischen Anbau zu verteufeln, den sie mit erhöhtem Krebsrisiko in Verbindung bringen, weil auf chemische Behandlung gegen Pilzbefall verzichtet wird. Immer wieder springt dem Leser dieser Hass entgegen, den die beiden Autoren offenbar für ihre Gegner empfinden. Leider ist diese Einseitigkeit typisch für das Lagerdenken im Gentechnikbereich: Schwarz oder weiß - dazwischen will offenbar niemand Position beziehen.
Eigentlich müsste der Buchtitel lauten: "Gentechnik bei Pflanzen - nur Chancen und nicht die geringsten Risiken"
Die Gentechnik als risikolose Anwendung zu betrachten ist ebenso falsch, wie ihre Erfolge (z.B. Insulin) zu leugnen. Es braucht eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Thema und lückenlose Information - genau die kommen in dem Buch aber viel zu kurz.
Ich finde es beschämend, wenn ein Lehrbuch missbraucht wird, um die Propaganda von Gentechnikmultis zu verbreiten, statt sich sachlich mit der spannenden Thematik auseinanderzusetzen. Von einem Professor am Botanischen Institut der Universität Kiel dürfte man weit mehr erwarten, gerade weil die Diskussion seit Jahren so aufgeheizt geführt wird. Statt Vor- und Nachteile der Gentechnik objektiv gegeneinander abzuwiegen, schütten die Autoren kräftig Öl ins Feuer.
Scheinheilig wird am Ende des Buchs (quasi zur Versöhnung) noch erklärt, dass der Schutz des Regenwaldes höchste Priorität genießt - auf den Seiten davor wurden allerdings die Monokulturen befürwortet, für die der Regenwald abgeholzt wird.
Fazit: Es bleibt zu hoffen, dass die Studenten intelligent genug sind, die Wahrheit nicht in diesem Buch zu suchen, sondern dort, wo sie liegt: in der Mitte zwischen zwei völlig verhärteten Fronten.