An einem Tag gleich zwei Alben zu veröffentlichen haben ja schon einige Musiker gewagt. Allerdings um das neue Studio-Werk (eine CD / 12 Songs / 55 Minuten Spielzeit) einfach einen Pappschuber zu stülpen, so das ein opulentes Live-Album (Doppel-CD + DVD / 21 + 8 Songs / 120 und 40 Minuten Spielzeit) mit hinein paßt und faktisch gratis dazu gepackt wurde, ist schon als Geschenk an die Fans zu begreifen. Dafür Anerkennung und vielen Dank an Ray Wilson!
Aber die Fülle des Materials sagt nun noch nichts über die Qualität.
Unfulfillment:
Das neue Ray Wilson/Stiltskin Album ist erdiger, straighter, melodiöser Rock mit Mut zum Pathos und balladesken Momenten. Das Album hätte genau so auch vor 10 oder 20 Jahren produziert werden können. Und das ist kein Mäkeln, sondern ein Kompliment! Denn "Unfulfillment" lebt von der starken Substanz der Songs, braucht keinen Firlefanz im Arragement, wird lebendig durch die verdammt guten Musiker und hebt ab durch die unbeschreiblich agressionslos-kraftvolle Stimme Wilsons. Tief, sonor, eindringlich kann er beschwören und im nächsten Moment lauthals Dampf ablassen. Und es bleibt auch dann noch Gesang, wird kein Brüllen. Auffällig scheint mir, daß Wilson mehr und mehr zu einem wirklich großartigen Songwriter reift. Keines der zwölf Lieder des neuen Albums ist ein belangloser Spielzeitverlängerer oder liebloser Füllsong. Ein begnadeter Sänger ist er seit jeher, sein Talent als Komponist und Texter steht dem mitlerweile um nichts mehr nach. Was bei seinen frühen Werken zwischen sehr gut und naja pendelte, ist inzwischen fast konstant brilliant, ausgereift und facettenreich.
Genesis Classic - Live in Poznan:
Das Live-Album der großartigen "Genesis-Classic-Tour" mit dem Berlin Symphony Ensemble ist ein Geschenk im doppelten Wortsinn. Wie oben erwähnt, liegt es im grunde gratis bei. Aber es ist darüber hinaus auch ein wahres Geschenk für die Ohren. Himmel, was ist das für ein Album! Die Setlist ist unvorhersehbar und perfekt zusammengestellt. Ray Wilson hätte es sich leicht machen können. Die zwanzig größten Genesis Hits in loser Folge, fertig, und die Tour wäre wahrscheinlich nicht weniger erfolgreich verlaufen.
Aber Wilson machte es spannender. Selbstverständlich gibt es eine ganze Reihe der zu erwartenden Klassiker wie "Turn it on again", "No son of mine", "Land of confusion", "Carpet crawlers", "I can't dance" etc., völlig okay, denn ohne diese hätte das Projekt auch kaum funktioniert. Darüber hinaus aber flechtet er stimmig Lieder aller Genesis-Akteure ein, die jeder auch außerhalb der "Firma Genesis" erfolgreich sind. So erklingen von Phil Collins "Another day in paradise" und "In the air tonight", "Solsbury hill" von Peter Gabriel und von Mike Rutherfords Side-Band Mike and the Mecanics der Klassiker "Another cup of coffee", ergänzt durch ein paar eigene Songs und vier Stücke vom einzigen Genesis-Album mit Ray Wilson als Sänger "Calling all stations". So ergibt sich ein gigantisches Song-Spektrum. Ein Spektrum was er nicht nur spielt, sondern beherrscht!
Das große Orchester macht den Klang zum Ereignis, denn man hört es klar und deutlich, es trägt die Arragements! Ein Faktum, was bei Rock-Classic Projekten nun keineswegs immer selbstverständlich ist. Die Idee, eine Rockband mit einem großen klassischen Orchester zu vereinen, ist nicht wirklich neu. Viele große Rock/Pop-Stars haben ein Album, eine Tour mit dieser Verstärkung gewagt, von Metallica bis zu den Scorpions, Sting, Maffay, Deep Purple, Grönemeyer usw. Nur allzuoft verfehlt diese Kollaboration ihr Ziel der klanglichen Ergänzung, versinkt das mächtige Orchester in schlechter Sound-Abmischung und verkommt zur blassen Garnitur der Rockband. Hier ein Violinen-Klang-Teppich, statt Synthie-Fläche, da ein ganz ferner Bläser-Satz, aber alles in allem kaum wirklich wahrnehmbar und als Hörer fragt man sich beklommen: Wozu der ganze Aufwand?
So nicht bei dieser Produktion! Das Orchester übernimmt ganze Parts und fusioniert perfekt mit der Rock-Fraktion!
Zusammengefaßt liegen hier zwei großartige Alben vor, auf den Ray Wilson eindrucksvoll seine komplette Bandbreite an gesanglichen Fähigkeiten unter Beweis stellt. Von leiser Akkustik-Ballade, über schwere und pathetische, vom Orchester getragene Bombast-Hymnen, bis zum krachend harten, dynamischen Rocksong - jeder Stil steht ihm!
Zweimal volle fünf Sterne!