Aus der Amazon.de-Redaktion
Das Bild der NS-Täter hat sich gewandelt. Galten sie früher als verkrachte Existenzen, als Sadisten und psychopathische Massenmörder, so werden heute in der Literatur differenziertere Tätertypen verwendet: NS-Täter als sozial Deklassierte, als Bürokraten und Schreibtischtäter, als ideologiefreie Technokraten oder rationale Sozialingenieure -- oder als ganz normale Männer. Und doch scheinen sich manche Täter den gängigen Verbrecherbildern zu entziehen.
Michael Wildt hat in seinem Buch Generation des Unbedingten solch eine Gruppe porträtiert: das Führerkorps des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), einer im September 1939 aus Geheimer Staatspolizei, Kriminalpolizei und dem Sicherheitsdienst der SS gebildeten Polizeibehörde unter der Leitung Reinhard Heydrichs. Allein dem "Führerwillen" verpflichtet, bekämpfte das RSHA nach dem ihm eigenen Selbstverständnis die Gegner "der rassischen, volklichen und geistigen Substanz" des deutschen Volkes, worunter Heydrich in erster Linie die Juden verstand, aber auch Kriminelle, Bolschewisten und andere Opfer nationalsozialistischen Terrors.
Zu dieser "Kerntruppe des Genozids" gehörten etwa 400 Männer. 221 von ihnen hat Wildt für seine Studie ausgewählt. In die eingangs vorgestellten Täterbilder passen diese Personen nicht hinein. Sie entstammten nicht den sozialen Rändern der Gesellschaft, sondern waren Teil der bürgerlichen, akademisch ausgebildeten Elite. Es waren Angehörige der Kriegsjugendgeneration, denen die "Bewährung" in den Schlachten des Ersten Weltkrieges versagt geblieben war, und die sich in den prekären und instabilen Nachkriegsjahren ideologisch radikalisierten. "Der politische Sieg der Nationalsozialisten 1933 eröffnete diesen jungen Männern einen Aufstiegs- und Machthorizont", schreibt Wildt, "dessen Dimension sie damals kaum erahnen konnten."
Und sie griffen begierig zu, gaben ihre sicheren Existenzen als Ärzte, Studienräte oder Juristen auf und wechselten scheinbar mühelos "vom Büro zur Führung einer Einsatzgruppe". Fast ebenso problemlos gestaltete sich die Rückkehr in die bürgerliche Wohlanständigkeit. Die RSHA-Angehörigen fanden Unterschlupf bei der Polizei, in mittelständischen Unternehmen oder in der Zeitungsbranche. Und diesen Nachkriegskarrieren widmet Michael Wildt das letzten Kapitel seines empfehlenswerten Buches. --Stephan Fingerle
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Buchnotiz zu : Frankfurter Rundschau, 29.04.2002
Wirklich zufrieden ist Peter Longerich nicht mit der Studie von Michael Wildt über mehr als 200 Akteure des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA). In dem umfangreichen Werk gehe der Autor den Hintergründen, Ausbildungsgängen und Entwicklungen dieser Nationalsozialisten nach und verdeutliche, dass die Charakterisierung dieser Täter als "Schreibtischtäter" zu kurz greife. Das ist für den Rezensenten aber nichts Neues. Vor einigen Jahren hatte bereits Ulrich Herbert in einer "bahnbrechenden Studie" über den RSHA-Spitzenfunktionär Werner Best zahlreiche der von Wildt aufgestellten Thesen und Ergebnisse nachgewiesen, weiß Longerich. Die vorliegende Studie findet der Rezensent daher zwar "plausibel", aber "weder besonders originell noch überraschend". In seiner ausführlichen und detaillierten Besprechung zählt der Rezensent noch eine ganze Reihe weiterer Mängel dieser Abhandlung auf. Trotzdem aber würdigt er die "Akribie" Wildts und lobt auch dessen "informative Abschnitte" über den Aufbau des RSHA in den Ostgebieten. Allerdings ist es dem Autor nicht gelungen, so Longerich, "wirklich neue und entscheidend weiterführende Erkenntnisse" über das RSHA zu präsentieren.
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Buchnotiz zu : Die Tageszeitung, 18.06.2002
Mit seinem Buch über das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) legt Michael Wildt nach Einschätzung von Rezensent Micha Brumlik eine "bahnbrechende Studie" vor. Wildt, der laut Brumlik souveräne Kenntnis sämtlicher Quellen sowie des aktuellen Forschungsstandes beweist, geht darin der grundsätzlichen Frage nach den kausalen Faktoren der Vernichtungspolitik nach - und kann sie nach Ansicht von Brumlik auch plausibel beantworten. Wildt greife dafür auf zwei "vermeintlich veraltete" Begriffe der Soziologie zurück: zum einen auf den Begriff der "Institution", mit dem er darlege, dass es "neben intentional handelnden Personen hier und anonym wirkenden Strukturen dort noch ein Drittes, nämlich mit Macht ausgestattete Kooperationszusammenhänge von Handelnden" gebe. Zum anderen auf den Begriff der "Generation", mit dem er erkläre, "warum Menschen derart ungeheuerliche Massenmorde planten und ausführten". So kann Wildt detailliert nachweisen, so Brumlik, dass gerade beim maßgeblich an der Vernichtung der Juden beteiligten RSHA nahezu alle Beteiligten einer bestimmten Generation angehörten, die über gemeinsame prägende Lebenserfahrungen verfügte, einen gehobenen akademischen Abschluss sowie einen hohen Grad an Fanatisierung aufwies. Darüber hinaus geht Wildt den Karrieren nach, die diese Schreibtischtäter, die auch zum Teil auch selbst mordeten, nach dem Krieg in der BRD dank prominenter Unterstützung machen konnten - "letztlich verwunderlich ist vor allem eines", schreibt Brumlik abschließend, "dass die Bundesrepublik trotz dieser Aufbaugeneration eine halbwegs erfolgreiche Demokratie werden konnte".
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Buchnotiz zu : Die Zeit, 20.06.2002
Der Hamburger Historiker Michael Wildt hat eine Untersuchung vorgelegt über eine Gruppe von 221 führenden Personen des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), berichtet der Rezensent Gerhard Paul. Das wichtigste Ergebnis dieses Buches besteht seiner Ansicht nach in der Erkenntnis, dass die Planer und Vollstrecker des systematischen Massenmordes - soweit sie diesem Amt zugehörten - keine "Schreibtischtäter" waren. Wildt entwerfe, über eine Analyse der jeweiligen konkreten beruflichen Tätigkeiten, das Bild einer im Gegenteil deutlich handlungsorientierten Gruppe aus dem Mittelstand: junge Akademiker mit dem Selbstverständnis von "Revolutionären, für die nur die Tat zählte". Wildt beschreibt nicht nur die "Generation des Unbedingten", so der lobende Rezensent, sondern es gelingt ihm erstmals eine umfassende Darstellung der komplexen und dennoch sehr flexiblen Behörde des RSHA als weltanschaulich begründete und von Reinhard Heydrich geplante "Superbehörde einer kämpfenden Verwaltung". Ein anderes Ergebnis der Untersuchung: Die meisten Führungspersonen "passten sich nach 1945 den neuen Bedingungen an" und konnten ihren alten Berufen nachgehen, mit Rückendeckung von Politikern wie Theodor Heuß und Carlo Schmidt. So auch Hans Rössner vom Piper Verlag, der Hannah Arends "epochales Buch " über Eichmann nach deren Tod 1976 nicht mehr neu aufgelegt habe. Ein wichtiges Buch, das auf einer breiten Quellenbasis erstellt wurde, findet der beeindruckte Rezensent, das jedoch die Frage stellt, "wie die deutsche Gesellschaft trotz der Bürde dieser Männer zur Demokratie finden konnte".
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