Der Titel scheint Thema und Stil des Buches vorzugeben, doch täuscht Schäfer hier, gottlob. Sicherlich geht es um Rockmusik, doch nur vordergründig, und auch verzichtet Schäfer darauf, ein unerträgliches Generation-Irgendwas-Buch à la "Golf" oder "Doof" abzuliefern. Vielmehr bezieht er sich, vor allem formell, auf den Vater aller Generation-Bücher, Douglas Couplands "Generation X". Wie auch dort begleiten erläuternde Noten den Haupttext.
Der wiederum erzählt keine durchgehende Handlung vom Leben eines Heavy-Metal-Fans in der ostfälischen Provinz, wie man erwarten könnte. Damit ist es für "Generation Rock" schlecht möglich, in einer Reihe mit Heinz Strunks "Fleisch ist mein Gemüse" (Tanzmusik auf dem Lande) und Rocko Schamonis "Dorfpunks" (Punk auf dem Lande) zu stehen. Das will das Buch aber auch nicht. Schäfer nutzt das Medium, um bereits erschienene Texte sinnverknüpft zu kompilieren. Das ist sein gutes Recht und kommt jedem Leser, auch dem vielleicht darüber murrenden, zugute, denn sind Bücher einerseits von größerer Lebensdauer als Zeitschriften und ergänzte Schäfer sie andererseits um brückenschlagende und dadurch sinnstiftende Anteile. Nebenbei, auch Pünschel taucht in dieser Sammlung wieder auf.
Schäfer erzählt, scheinbar autobiographisch, aus seinem Leben, quasi das Beste von kurz nach früher bis jetze, und nimmt das Oberthema "Rock" als Bezugsgröße. Dabei ist Rock gar nicht in jedem der dreiunddreißig Kapitel tatsächlich vorhanden, jedenfalls nicht vordergründig. Hierfür gibt Schäfer jedoch in einem der vielen Randtexte eine überzeugende Erklärung ab, in einem Aufsatz über Chuck Klosterman nämlich, in dem es heißt: "[Klosterman] erzählt einfach ein paar locker zusammenhängende Geschichten, die sich dann doch beinahe absichtslos zu einer These verdichten - und was die mit dem eigentlichen Thema zu tun hat, muss man als Leser schon selber herausfinden." Damit überlässt er es also dem Endverbraucher, das Baumfällen, einen Badelandausflug oder des Ich-Erzählers Erziehungsmethoden in einen Kontext mit dem Rock zu bringen. Und selbst, wenn dem Leser das nicht gelingt, wird er sicherlich Vergnügen an den Anekdoten, Erinnerungen und Philosophien des "Helden" haben.
Die übrigen Geschichten formen ein Bild von der südlichen (nicht nördlichen) Lüneburger Heide, das der dort aufgewachsene und wohnhafte Leser zu großen Teilen teilt und also wiedererkennt. Dabei verzichtet Schäfer auf universale Alltagsbeobachtungen massentauglicher TV-Comedians, sondern beschreibt persönlich und zeitgleich nachvollziehbar, was eher demjenigen auffällt, der auch in der Lage ist, seinen Blick eine Nuance länger verweilen zu lassen - wenn er nicht die Allgemeinerlebnisse mit regionalen Geschehnissen verknüpft. So sind Arbeitsplatzbeziehungen wie bei VW sicherlich auch bei, sagen wir, Bayer in Leverkusen auszumachen, aber hat Bayer nie auf seinem Firmenparkplatz die Rolling Stones auftreten lassen.
Bei allem stellt Schäfer nie jemanden bloß. Seine Absicht ist es nicht, die Land- und Provinzbevölkerung vorzuführen, und das ist gut so. Er entdeckt das für sich goutierbare an Orten, die jeder mit Verstand Beschenkte sonst aus guten Gründen meiden würde, wie einem Cover-Konzert in einer Dorfhalle. Er hat keinen Grund, mit seiner Herkunft zu hadern, auch wenn er deren Schwächen kennt. Ebenso kennt er nämlich auch seine eigenen, und genau dieser Aspekt macht es immer so sympathisch, Schäfers Texte überhaupt zu lesen. Er überhöht sich nicht, auch wenn er vom Besonderen in seinem Leben erzählt. Das ist vielmehr einer seiner zahlreichen Stärken.
Richtig intim wird es, als Schäfer vom Tod seines Freundes Michael Rudolf erzählt. Dieser Text geht über die Ebene des erdachten Ich-Erzählers hinaus, das Kapitel ist sehr persönlich und offenbart viel über die Person Frank Schäfer. Solches schreibt man nicht, wenn man es nicht auch empfindet. An zweiter Stelle folgt der Abriss über seinen krebskranken Onkel, der zum oben erwähnten Stones-Konzert gegangen wäre, hätte er nicht Blut erbrochen. Um diese beiden zentralen Texte kreist der Rest des Buches mit Konzertberichten, Pubertätserfahrungen und Rezensionen (es geht unter anderem um Charles Bukowski, Full Metal Village und D:A:D). Dabei zieht das Thema Tod und Sterblichkeit den Leser nicht runter, sondern steht monolithisch aufgerichtet in der Mitte des Buches. Der Rest darum herum erst bedeutet das Leben, und sei es vom Rock dominiert.
Wie gewohnt und beinahe schon erhofft befähigt sich Schäfer auch in dieser Textsammlung der unterschiedlichsten, ihm spürbar samt und sonders eigenen Sprachtiefen. Von der Hoch- bis zur Vulgärkultur, sollte es sie geben, beherrscht er die Stile und wendet sie auch thematisch allzeit passend an, ohne sich also anzubiedern, sondern den Inhalt mit der Form unterstreichend. Selbstverständlich lässt er seinen Ich-Erzähler auch mal ungerecht und polemisch sein, doch wer selbst, und sei er noch so politisch korrekt, ist das nicht gelegentlich auch gerne. Und wie es sich für einen gut erzählenden Autoren gehört, muss er den Leser gar nicht von Kiss oder Mötley Crüe überzeugen können, damit der das Buch trotzdem gerne und kopfnickend liest.
Und hört. Denn dem Buch im Seven-Inch-Format liegt netterweise eine CD bei, und zwar mit einer bislang unveröffentlichten Aufnahme der Gruppe Salem's Law, deren Gitarrist Schäfer einst war. Gedacht war die Musik als Nachfolger des Debütalbums "Tale Of Goblins' Breed", wurde vom Label seinerzeit jedoch sträflichst ignoriert. Selber Schuld, denn das rare Power-Metal-Debüt bringt inzwischen bis zu 90 Dollar auf die Waage. Überdies braucht sich auch die vorliegende CD nicht hinter Genrekumpels zu verstecken.
Nicht nur Metal- und Rock-Fans finden also Vergnügen an "Generation Rock", sondern auch diejenigen, die den Rolling Stone, die taz oder die Junge Welt nur Schäfers Texte wegen kaufen. Jener selbst zeigte sich übrigens nicht so recht zufrieden mit dem Titel, auch wenn der formell bestens gewählt ist. Er hätte ihn gerne, wie Bowie einst "Heroes", in Anführungszeichen gesetzt. Das sei hier drei Sätze zuvor geschehen.