Warum Menschen sich gegen Kinder entscheiden, ist hinreichend untersucht worden und im Grunde allgemein bekannt: Durch die Angleichung der Lebensentwürfe beider Geschlechter haben beiderseits berufstätige Paare heute zu hohe Opportunitätskosten für Kinder. Kinderlosigkeit hat also nichts mit Egoismus zu tun, sondern ist ganz normales ökonomisches Kalkül.
Viele Analysen des Buches stimmen jedoch nicht. Beispielsweise behaupten die Autoren, dass Kinderlose besonders viel in die Staatskassen einzahlen, weswegen sie aus Sicht des Finanzministers ein Segen sind. Mersch zeigt dagegen in
Die Emanzipation - ein Irrtum!: Warum die Angleichung der Geschlechter unsere Gesellschaft restlos ruinieren wird schlüssig auf, dass dies nur stimmt, wenn man eine Ein-Generationen-Rechnung durchführt. Berücksichtigt man dagegen die Kosten und Einnahmen eines Sozialstaates über zwei Generationen hinweg, dann wirkt Kinderlosigkeit ruinös. Die größte Steuerzahlerin ist dann nämlich die gut ausgebildete Mutter mit mehreren gut ausgebildeten Kindern, und zwar selbst dann, wenn sie zunächst ein Hochschulstudium auf Staatskosten absolviert, anschließend aber wegen ihren vier Kindern lebenslänglich zu Hause bleibt. Warum? Weil die Mutter mit den vier Kindern später einmal vier fließige Steuerzahler hinterlässt, die ganz nebenbei auch noch die Rente des kinderlosen Paares finanzieren werden. Das kinderlose Paar wird dagegen in der nächsten Generation keine Steuern mehr bezahlen, sondern höchstens Kosten produzieren.
Falsch ist auch die Behauptung, dass die niedrigen Geburtenraten gar nicht so schlimm sind, wie es immer behauptet wird. Diese sind sogar sehr schlimm. Tatsächlich sind sie verantwortlich für die zunehmende Arbeitslosigkeit, Verarmung und Verdummung unserer Gesellschaft. Aber so weit haben die Autoren leider nicht gedacht.
Erstaunt bin ich über die ständige Egoismus-Debatte schon ein wenig, denn so ganz neu sind solche Probleme nicht. Vor etwa 200 Jahren brachen die Männer massenhaft aus ihren Häusern auf, um in Fabriken arbeiten zu gehen. Sie konnten deshalb ihre angestammten Aufgaben, für den Schutz ihrer Angehörigen und die Bildung ihrer Nachkommen zu sorgen, nicht mehr erledigen. Man hätte all dies so belassen können und jenen, die die Aufgaben neben ihrer Arbeit nicht erfüllten, einen gnadenlosen Egoismus unterstellen können. Hat man aber nicht, sondern stattdessen ganz pragmatisch den Beruf des Polizisten und des Lehrers eingeführt. Genau so sähe die ideale Lösung wohl auch diesmal wieder aus: das Autorenpärchen hat keine Kinder und geht mit Freude seinem Beruf nach. Dafür zahlt es jedoch Unterhalt für zwei Kinder, mit dem eine andere Mutter ihre eigenen Kinder unter beruflichen Bedingungen (mit Ausbildung, Einkommen, Rente etc.) großzieht. Es hätten dann beide Seiten etwas davon: Familienorientierte Frauen könnten sich ganz auf das Großziehen der nächsten Generation konzentrieren, während die Berufstätigen ohne schlechtes Gewissen ungestört Karriere machen könnten. Ganz so, wie man es bei den Lehrern und Polizisten gemacht hat. Man nennt das übrigens Individualisierung.
Aber so weit zu denken, ist man aktuell noch nicht gewillt. Man glaubt wohl immer noch, es würde nicht so schlimm kommen wie es kommen wird.