Rufen Sie auch Ihren Sohn oder Ihre Tochter zu Hilfe, wenn Ihr Textverarbeitungsprogramm spinnt oder Sie mit dem neuen Update Ihres E-Mail-Programms nicht zurechtkommen?
Dass Sie gegen Ihre Kinder auch nur bei einem einzigen Computerspiel gewinnen könnten, haben Sie sich schon lange abgeschminkt, und bei allem Respekt vor den Kenntnissen der jungen Computergeneration, ist Ihnen das Ganze irgendwie auch unheimlich. Stundenlang sitzen die Kinder und Jugendlichen vor dem Rechner, aber was genau sie dort treiben, wissen Sie nicht. Vielleicht bekommen Sie zu hören, dass sie sich gerade über StudiVZ verabreden oder ihr neues Profil bei MySpace eingerichtet haben. Sie chatten, sie mailen, sie holen sich Musik und Bilder aus dem Netz, stellen ihr eigenes Blog ein und leben, daran besteht für Sie kein Zweifel, in einer Welt, die Ihnen, der "Generation Ahnungslos" fast vollständig erschlossen ist.
Erstmals in der Geschichte des Internet wächst eine Generation heran, die mit dem Internet groß geworden ist, für die das Netz eine alltägliche, selbstverständliche und nicht mehr wegzudenkende Erfahrung ist. Wenn man den heute 12 bis 18jährigen erzählt, dass vor noch wenigen Jahren das Schreiben von Briefen, das Telefonieren von Münzautomaten aus oder das Recherchieren von Informationen in Bibliotheken zum Alltag gehörte, begegnet einem meist ein verständnisloses Schulterzucken, als spräche man vom Mittelalter.
Der Schweizer Urs Gasser, Professor an der Universität St. Gallen und Direktor der Forschungsstelle für Informationsrecht, und John Palfrey, Professor an der Harvard Law School und Leiter des dortigen Berkman Center for Internet & Society, legen mit ihrem Buch "Generation Internet" eine lesenswerte Mischung aus Studie, wissenschaftlicher Reportage und pädagogischem Ratgeber vor. Die Autoren schildern ausführlich, womit sich die "Digital Natives", also jene Generation, die mit den digitalen Medien aufgewachsen ist und die sich seit ihren Kindertagen im World Wide Web bewegt, beschäftigt. Die Grenzen zwischen Online- und Offline-Identität besteht für sie nicht mehr. Ihre Einstellungen von Identität und Privatheit verändern sich, ebenso wie ihr Lernverhalten und ihre Arbeitswelt.
Gasser und Palfrey beschreiben die "Digital Natives" als eine Generation, die Teil einer weltumspannenden Kultur ist, "deren Angehörige sich dadurch definieren, wie sie mit Informationen, neuen Technologien und miteinander umgehen." Sie beschreiben diese Generation als einen gesellschaftlichen und kulturellen Paradigmenwechsel, den es zu verstehen gilt. Dabei verfolgen die Autoren einen aufklärerischen und gleichzeitig pädagogischen Ansatz. Ihr Aufruf an die Eltern und Lehrer: Lasst die "Digital Natives" nicht allein, entwickelt Interesse an ihren Aktivitäten im Netz, schützt die "Digital Natives" vor den Gefahren im Netz: "mangelnde Sicherheit, zu freigiebiger Umgang mit der Privatsphäre, Datenschutz", um sie zu verantwortungsvollen Weltbürgern zu machen.
Das Buch ist trotz einiger Längen und Wiederholungen und der streckenweise biederen pädagogischen "Gutmenschmentalität" ein erster wichtiger Versuch, eine sachliche Auseinandersetzung mit einer Generation zu suchen, deren technologischer und digitaler Vorsprung viele Eltern und Lehrer sprach- und hilflos machen. Wer von der Generation Internet noch kein Weihnachtsgeschenk für die Generation Ahnungslos hat, der sollte statt Socken oder Küchenschürze in diesem Jahr seinen Eltern oder Großeltern dieses Buch schenken. - Paul Schilling (www.FreieHONNEFER.de)