Douglas Couplands „Generation X" Das „X" ist längst vermarktet auf T-Shirts, Hosen, Comics und Rucksäcken. Die Medien sprechen von „Zielgruppe X" und „Mister X". Nur „Schöpfer Douglas Coupland...kann...die Buchstaben X und Y nicht mehr hören". Pressemeldungen zufolge kämpft er „mit dem Mut der Verzweiflung" gegen die gnadenlose Vermarktung an. So kann es jemandem gehen, der einen Generationen-Bestseller, „mehr als ein Kultbuch" geschrieben hat. „Generation X" und den nachfolgenden „Shampoo Planet" finde ich einfach grandios. Coupland bringt einem das Lebensgefühl von Jugendlichen nah, als wohnte man auch beim Silicon Valley, gleich nebenan im vierten Bungalow neben Andy, Claire und Dag. Nur wenn Dag ein Glas mit Plutonium aus dem nahen Atomtestgebiet auf den Boden fallen läßt, wünscht man sich wieder etwas Distanz. Aber da ist Leben, da ist Jugend. Mit „Gib es auf, die Vergangenheit zu recyceln" kehren Andy, Claire und Dag psychoanalytisch-orientierten Gruppen den Rücken. Stattdessen erzählen sie sich jeden Tag erfundene „Gute-Nacht-Geschichten" mit der einzigen Regel, daß sie „einander..nicht unterbrechen und am Ende nicht kritisieren dürfen". Auf diese Weise entstehen amüsante, eklige, gruselige und poetische Geschichten.
Die Generation X fragt sich, „Warum sollen wir arbeiten? Nur um noch mehr Kram zu kaufen? Das kann doch nicht alles sein.", besteht „der einzige Grund", warum wir arbeiten, darin, „daß wir entsetzt darüber wären, was passieren würde, wenn wir es nicht täten"? Dag erfuhr schon früh, daß er „in dieser Welt einfach nicht berühmt werden" kann, „es sei denn, eine Menge anderer Leute verdienten viel Geld dabei.". In dieser Phase, „Ausgehungert nach Zuneigung und verstört vor Verlassenheit", fragte er sich, „ob Sex wirklich nur eine Entschuldigung dafür war, anderen Menschen einmal tief in die Augen sehen zu können." Aber auch Claire blickt auf eine schwierige Kindheit mit vielen Krankenhausaufenthalten zurück:„Bis heute spreche ich lieber mit gebrechlichen Leuten; sie sind intakter". Der Ich-Erzähler Andy kommt Coupland am nächsten. Er studiert Sprachen, spricht fließend Japanisch und ist der Besonnene im Trio. In einer der schönsten Passagen berichtet Dan von einem Studienaufenthalt in Japan, wo ihm ein hoher Wirtschaftsboß seinen wichtigsten Besitz, „das wertvollste Ding" präsentiert. Wahnsinn! Die Generation X will ihr Leben selbst bestimmen, ob im Glück oder im Unglück, das ist am wichtigsten. Und so wehleidig manche Eltern dies auch betrachten mögen, es tut erfrischend gut. Andy, Claire und Dag machen ihren Job. Sie haben keine wohlhabenden TV-Eltern und müssen sich ihren Platz im Leben hart erstreiten. (Randnotiz:„Die Erkenntnis, ein besserer Mensch gewesen zu sein, als man weniger Geld besaß.") Vor allem aber denken sie darüber nach, was sie tun und leben. Coupland und seine drei Hauptakteure wollen das Leben nicht nur leben und erfahren. Sie wollen es begreifen grad so, wie man auch andere Dinge erkennt und versteht. Untergründig suchen sie überall nach dem Sinn des Lebens. Wie ist es eigentlich beschaffen? „Nichts wirklich Gutes und nichts wirklich Schlechtes dauert je allzulange an." Was aber in den Geschichten der Generation X bis zum Schluß anhält, ist der Schwung, die Leichtigkeit in der Tiefe. Gleich zu Anfang fiel mir Jack Kerouacs „Unterwegs" ein, aber Couplands Humor, „mir... taten die Lächelmuskeln weh", ist feinsinniger, sein Blick geht weiter (wie die Zeit seit Kerouac auch weitergegangen ist). Zwei Beispiele: Dag entwickelt eine Methode, die rassistischen Witze seines Chefs zu „killen", indem er „mit einem lauten Lachen herausplatzt", bevor es zur Pointe kommt. Natürlich wird der Chef rasend vor Wut. Und Dags Problem, „sich zu erinnern, ob eine Berühmtheit tot ist oder nicht" und ihm dann klar wird, „daß es keine Rolle spielt".
Die statistischen „Zahlen" auf den letzten fünf Seiten des Buches sind nicht zu unterschätzen und eine Fundgrube für alle MitarbeiterInnen in der jugendpolitischen Bildung. Aber vielleicht ist ja auch nur das „X" nach Europa gekommen und alle anderen Phänomene bleiben auf der anderen Seite des Atlantiks... Wer mehr über die amerikanische, deutsche, englische und russische Jugend von heute oder die Generation X erfahren möchte, der lese nach „Generation X" das SPIEGEL-special vom November 1994 „Die Eigensinnigen". Darin auch Douglas Couplands „Sieben Tage im Leben junger Programmierer" über „die erste Microsoft-Generation... - die ersten Menschen, die die Welt ohne MS-DOS nicht mehr kennengelernt haben. Die Zeit bleibt eben nicht stehen". Wen wundert, daß Coupland sich in seinem dritten Buch „Life After God" auf der „Suche nach dem Wesentlichen" in Tierseelen einfühlt und die Welt ständig aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten sucht. Douglas Coupland ringt mit der Welt. Hoffentlich noch lange, damit wir noch viel von ihm haben und - lernen.
„Sie legte sich auf die Erde und dachte darüber nach, also legte ich mich hin. Die Sonne war heiß und gut. Ich konnte nur den Himmel sehen und ihre Worte hören. Sie überraschte mich. Sie sagte, wir trügen als Menschen die Last, jedes Tier der Welt in einer Gattung sehen zu müssen."