Es stärkt das Selbstbewusstsein einer Generation, um die sich in den Siebzigern und Achtzigern die Welt drehte. Anne von Blomberg lässt uns voller Staunen zurückblicken auf diese Ära, als wir (ich gehöre auch der Generation Aufbruch an) die Demo erfanden, für sexuelle Freiheit und Gleichberechtigung stritten, gegen die Nachrüstung (erfolglos, aber unvergessen) auf die Straße gingen, das Internet als globales Dorf einführten, die Rockmusik hoffähig machten, die so genannte Dritte Welt und unser aller Umwelt in den Fokus rückten, und vieles mehr. Auch wenn wir nicht selbst aktiv dabei gewesen sind, auch wenn damals viele von uns genauso konservativ wie unsere Eltern dachten, auch wenn uns Rudi Dutschke und Uschi Obermayer suspekt waren: haben wir die Protagonisten dieser Zeit nicht bewundert für ihren Mut und ihre Respektlosigkeit gegenüber der Obrigkeit? Spätestens jetzt, als uns im Rückblick klar wird, was diese Generation geleistet hat und welchen Einfluss sie hatte, wollen wir natürlich dazugehören.
Die Steigerung unseres Selbstwertgefühls ist auch dringend erforderlich, denn die Generation Aufbruch kommt in die Jahre. Die Furcht vor Alter und Krankheit, vor Einsamkeit und Armut lässt uns erstarren. Aber wir gehören längst noch nicht zum alten Eisen, erklärt uns Anne von Blomberg. Unsere Lebenserfahrung und unsere Tatkraft werden noch gebraucht, auch wenn wir bald in Rente gehen oder schon gegangen sind. Wir müssen keine Angst haben, wenn wir die zweite Hälfte oder das letzte Drittel unseres Lebens energisch und planvoll angehen.
Und sie gibt uns Rezepte an die Hand, zeigt uns, wie man Netzwerke aufbaut, um im Alter nicht einsam zu sein, nimmt uns die Furcht vor Krankheiten und Siechtum, ermuntert uns, ein aktives, selbst bestimmtes Leben zu führen, und - wenn dies eines Tages nicht mehr möglich sein sollte - die Hilfe anderer dankbar anzunehmen. Sie rät, uns rechtzeitig mit dem noch hoffentlich fernen Tod auseinanderzusetzen und beschreibt die Wege dazu. Gleich, ob wir Christen, Moslems, Buddhisten oder Juden, Atheisten oder Agnostiker sind, ob wir uns eine eigene Patchwork-Religion aus dem breiten Angebot zusammengebastelt haben: wir brauchen keine Angst vor dem Tod zu haben. Mit der richtigen Vorbereitung können wir ihm getröstet, vertrauensvoll und neugierig entgegenblicken.
Einziges Manko dieses großartigen Buches: Anne von Blomberg engt die Generation Aufbruch ein wenig auf Menschen ein, die eine ähnliche Biografie wie sie selbst haben. Natürlich kann man nur aus seiner eigenen Erfahrung berichten, aber auf der anderen Seite sind die Menschen dieser Generation längst nicht alle fit, körperlich jung und gesund. Sehr viele mussten schlimme Schicksalsschläge hinnehmen, sind chronisch krank oder behindert, sind vielleicht heute schon auf Hilfe angewiesen. Sie finden sich in dem Buch vielleicht nicht wieder, sollten aber darüber hinwegsehen, denn die Ratschläge gelten uneingeschränkt auch für sie.
Abgesehen von diesem kleinen Makel ist Generation Aufbruch ein gleichermaßen realistisches wie positives Buch, ein Buch das Kraft und Zuversicht gibt. Zudem ist es noch sehr gut geschrieben und recherchiert. Glatte fünf Punkte!