Ein großer Mann hat das Ende seines Weges erreicht, und auch das seines Lebens: Simón Bolívar, der glorreiche General der südamerikanischen Unabhängigkeitskriege gegen Spanien. Noch will er es nicht wirkllich wahrhaben, gerade erst hat er als letztes Amt die Präsidentschaft von Großkolumbien zurückgelegt, er redet von einer möglichen Reise ins Exil, vielleicht England. Oder doch noch einmal in die Schlacht ziehen, um seinen gescheiterten Traum eines vereinten Südamerikas zu verwirklichen?
Aber er ist totkrank, nur wenige Vertraute ziehen noch mit ihm, sein Großkolumbien ist zerbrochen, die Nachfolgestaaten (Kolumbien, Venezuela, Ekuador) sowie Peru und Bolivien kämpfen gegeneinander, oder werden von Bürgerkriegen und den Putschen machtgieriger Generäle, von denen viele einstmals mit ihm kämpften, erschüttert. Der Libertador hat den Kontinent von der spanischen Herrschaft befreit, aber nun wissen die Befreiten eigentlich nichts damit anzufangen.
Márquez legt keine Biografie vor, nicht einmal eine fiktive, sondern begleitet den General auf seiner letzten Reise, die eigentlich ohne Ziel ist. Manche Lebensstationen und Ereignisse werden rekapituliert oder tauchen kurz aus dem Nebel der Vergangenheit empor, aber sie sind weder vollständig noch irgendwie chronologisch. Er zeichnet Bilder eines bedeutenden Mannes, kraftvolle Bilder eines kraftlos gewordenen.
Fazit: ein faszinierender Roman über eine bedeutende Person der Weltgeschichte, über die hierzulande nur wenig bekannt ist.
"Der General versank in finsteres Grübeln und ritt teilnahmslos weiter, bis sie die leuchtende Grassteppe erreichten. Bei der Wegkreuzung Cuatro Esquinas, wo die gepflasterte Landstraße begann, wartete Manuela Sáenz allein und zu Pferd auf den Trupp und winkte dem General von fern ein letztes Adieu zu. Er antwortete ebenso und zog weiter. Sie sahen sich nie wieder."