Die Genealogie des Tötens, eine in den 80ern entstandene Trilogie, als Typoskript auf über 800 dtv-Seiten. Vom Aufbau-Verlag in der damaligen DDR entsetzt zurückgewiesen, nach der Wende bei Hanser erstveröffentlicht und kurz danach im dtv verfügbar geworden, wurden die Texte von Reinhard Jirgl nicht als zusammengehörig konzipiert, die Zusammenfasung der drei Hauptteile zu einer Trilogie ist vielmehr das Ergebnis einer thematischen Nähe und einer sich überschneidenden Entstehungszeit, die, wie sich im dritten Teil gegen Ende zeigt, sich in die Zeit des Falls der Mauer hineinzieht.
Die "Genealogie" ist als "Trilogie" bezeichnet; deren erster Teil (Klitaemnestra Hermafrodit / Mama Papa Tsombi) aber nochmals in mehrere Teile zerfällt (selten war dieses Verb passender als hier), darunter eine mehrspaltige hyperrealistisch-szenische Familiengeschichte, die in einer Bluttat endet; eine eigenwillige und in pathetisch gebundener Sprache geschriebene Interpretation der Tantalidentragödie; und eine kafkaeske Erzählung "Heart of Clay". Der zweite Teil "MER" ist eine mehrstimmig erzählte Phantasie über eine auf der Insel Hiddensee unversehens internierte Reisegesellschaft, hinter deren Horizont auf dem Festland offenbar eine nukleare Katastrophe stattfand. Dieser Teil entstand übrigens 1985, also im Jahr vor Chernobyl. Der Trilogie dritter Teil "Kaffer" ist im Anhang als "Satyrspiel" bezeichnet; es ist formal der geschlossenste, aber inhaltlich auch der am schwersten verdauliche Teil, der Nihilismus der Hauptfigur (Held mag ich ihn nicht nennen) kennt keine Kompromisse.
Die sprachliche Urgewalt in diesen drei im Grunde eigenständigen Büchern ist erstaunlich, und zwar unabhängig von den gewählten Formen (antik inspiriertes Theater/Hörspiel/Erzählung/Monolog). Sie übertrifft in mancher Hinsicht die formal ausgewogeneren Romane von Reinhard Jirgl in der Zeit nach 1990 und hat eine geradezu archaische Anmutung - und widersetzt sich so jedem Anspruch an Eingängigkeit.
Für ausgesprochen interessierte Jirgl-Leser ist das ein unverzichtbares Stück Literatur, zumal einzelne Episoden in späteren Romanen wieder auftauchen, hier sind sie als Vorstudien zu sehen. Auch die eigenwilligen Formalismen der Sprache, Kürzel und Numerale, befinden sich hier noch im Stadium des Entstehens. Ein ausführliches Nachwort bietet Gedanken zur Entstehung und Hilfen zum Verständnis der Texte, dazu vor allem technische Regie- und Tontechnik-Anweisung sowie Grundrisszeichnungen für die Umsetzung des "Mama Papa Tsombi"- Spiels.
Die "Genealogie" ist sehr, sehr harter Lesestoff - wer kein vertieftes Interesse an Reinhard Jirgl hat, kann sich durchaus abgestoßen fühlen. Für eine intimere Kenntnis des Werks solle man darauf aber nicht verzichten.