Seit einiger Zeit ist es unter Journalisten (Jörg Blech ist Spiegelredakteur) irgendwie üblich geworden, nicht das darzustellen, was der aktuelle Stand der Wissenschaften ist, sondern ganz neue Wahrheiten zu erfinden. Wenn man schon einen solch unmittelbaren Zugang zur breiten Masse besitzt, warum sollte man ihn nicht zum eigenen Vorteil nutzen, scheint der Grundgedanke zu sein.
"Gene sind kein Schicksal" ist ein solcher Fall. Und weil der Autor eine bestimmte Botschaft verbreiten möchte, stellt er halt alles so dar, dass es zur Botschaft passt. Konkret: Er unterschätzt die Bedeutung der Gene auf geradezu sträfliche Weise.
Dabei sind viele seiner Darstellungen durchaus korrekt. Beispielsweise stimmt es, dass Arbeiterin und Königin in Bienensozialstaaten keine genetisch bedingten Rollen sind, sondern aufgrund der Nahrungszufuhr (Anteil an Gelée Royal) erworben werden. Dies ist notwendig, denn evolutionsbiologisch betrachtet sind Arbeiterinnen Altruisten (sie helfen der Königin, ihren Fortpflanzungserfolg zu erhöhen) und Königinnen Egoisten. Wie Richard Dawkins in
Das egoistische Gen näher begründet, würde sich ein genetischer Altruismus schnell selbst eliminieren. Aus dem gleichen Grund kann das zölibatäre Verhalten katholischer Priester und Nonnen nicht genetisch bedingt sein. Stattdessen sind beides erworbene soziale Rollen.
Aus solchen Sachverhalten dann nun aber gleich zu schließen - wie Jörg Blech es an vielen Stellen tut -, die Gene spielten eine viel geringere Rolle als heute allgemein angenommen und im Grunde sei alles erworben, ja man könne sein Leben praktisch beliebig ändern wenn man nur wollte, ist spektakulär bis falsch.
Nehmen wir einmal als Beispiel die genetischen Dispositionen bei chronischen Zivilisationserkrankungen. Hier entdeckt die Medizin angeblich ständig neue Gene, die die Anfälligkeit für solche Krankheiten erhöhen sollen. Jörg Blech meint demgegenüber, die Gene seien jedoch kein Schicksal, und man könne den Krankheiten ggf. durch Verhaltensänderungen entkommen, ganz so wie die unterschiedliche Nahrungszufuhr aus einer Bienenlarve mal eine Arbeiterin und mal eine Königin macht. Epigenetik ist hier das Stichwort.
Andere umweltorientierte Mediziner interpretieren den gleichen Sachverhalt ganz anders. Beispielsweise vertrat der unlängst im Alter von 97 Jahren verstorbene LowCarb-Begründer Wolfgang Lutz (
Leben ohne Brot) die Auffassung, viele Menschen seien - was die Ernährung angeht - noch überwiegend an die Verhältnisse der Altsteinzeit angepasst, und zwar auf genetische Weise. Viele Gene, die nun neuerdings das Risiko für bestimmte Krankheiten erhöhen sollen, hätten damals ganz andere Funktionen gehabt. Zu Problemen führten sie nie, da es die heutige kohlenhydratreiche Zivilisationskost noch nicht gab. Wenn man folglich durch simple Verhaltensänderungen - trotz Risikogenen - einer Erkrankung entkommen kann, dann liegt das - gemäß Lutz - nicht daran, dass die Gene keine Rolle spielen, sondern dass man sich nun so verhält, wie es der eigenen genetischen Ausstattung entspricht. Was unmittelbar das Zusammenwirken von Genen und Umwelt demonstriert.
Völlig absurd sind Blechs Auffassungen zur Erblichkeit von Intelligenz, die er im Grunde bestreitet. Hier ignoriert er gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse. Auch hätte der Mensch per Evolution nie ein großes Gehirn bekommen können, wenn Gehirnleistung (Intelligenz) nicht zu ganz erheblichen Anteilen erblich ist. Seine Vorstellungen zur Gleichverteilung von Intelligenzgenen in Populationen, die man gemäß seinen Aussagen jedoch noch gar nicht kennt, sind mehr als befremdlich.
Jörg Blech geht sogar so weit, dass er geniale Fähigkeiten für nicht maßgeblich angeboren, sondern für erworben hält. Deshalb spielten in Orchestern diejenigen die erste Geige, die besonders viel in ihrer Kindheit geübt hätten. Dann dürfte der sechsjährige Mozart wohl schon im Mutterleib mit dem Üben angefangen haben. Und Phänomene wie den Autisten Matt Savage, der sich im Alter von sechs Jahren praktisch über Nacht selbst das Klavierspielen beibrachte (sehr sehenswert das Video "Infected with Hemiola", bei dem er 12 Jahre alt ist), kann er ohnehin nicht erklären. Die Frage, warum manche Menschen bereit sind, jahrelang jeden Tag mehrere Stunden lang ein Instrument zu üben, scheint er sich gar nicht erst zu stellen.
Für mich ist "Gene ist kein Schicksal" kein populärwissenschaftliches, sondern ein politisches Buch.