In jeder Phase von Bildung, sei es in der frühkindlichen Bildung, in der Schule, im Übergang von der Schule in den Beruf oder in der Erwachsenenbildung, sind Menschen Lehrende und Lernende, die als Frauen und Männer, als Jungen und Mädchen, von der Gesellschaft erkannt werden und sich als solche definieren. Jürgen Budde und Angela Venth positionieren in ihrem Buch Genderkompetenz für lebenslanges Lernen" die pädagogisch Tätigen im Mittelpunkt und veranschaulichen damit deren Handlungsoptionen. Genderkompetenz wird von Budde und Venth als Reflexionskompetenz konzipiert. So können (Gender-)Wissen, Können (pädagogische Methoden und Strategien) und Wollen (politisches Engagement) vereint werden und in der Praxis der lebenslangen Bildung genderkompetent eingesetzt werden.
Das Resumé der Autorin und des Autors ist, dass pädagogisches Handeln stets auch Doing Gender ist und dass daher gendersensible und pädagogische Interventionen nötig sind, um verstehen zu können, wie und wann welche Einflüsse ineinandergreifen.
Im Fall der frühkindlichen Bildung etwa wird darauf hingewiesen, dass Pädagoginnen und Pädagogen sehr sensibel im Umgang mit Jungen und Mädchen sein müssen. Dies betrifft nicht nur die Wortwahl, sondern auch die Wahl des Spielzeugs, der Vorbilder und der Geschlechterbilder, die die Pädagoginnen und Pädagogen selbst verkörpern, da in diesem Alter Kinder Geschlechterinszenierungen durch Nachahmung lernen können. Besonders hervorzuheben ist zudem, dass Budde und Venth festhalten, dass Erzieherinnen und Erzieher im Rahmen von frühkindlicher Bildung die Geschlechterdifferenzen als größer einschätzen, als diese tatsächlich sind. Diese Sichtweise verstärkt etwaige vorhandene Unterschiede und unterstützt nicht die einzelnen Individuen in ihrer Entwicklung, sondern Stereotype.
Für den Bereich der Schulbildung wird beispielsweise darauf hingewiesen, dass auch Lehrende Geschlechterdifferenzen konstruieren indem sie ihre Erwartungen an Jungen und Mädchen derart in die Beurteilung einfließen lassen, dass Jungen und Mädchen, die die gleiche Kompetenzstufe erreicht haben, unterschiedlich bewertet werden. In allen untersuchten Schulfächern werden Jungen in diesem Fall schlechter bewertet. Budde und Venth appellieren hier, dass die Schule in die Pflicht genommen werden sollte. Es sollte demnach Gender in der Schule thematisiert werden und sichtbar gemacht werden. Das Analysieren geschlechtsbezogener Daten, etwa die Beschäftigungszahl von Lehrerinnen im Vergleich zu Lehrern oder die Anzahl der Schülerinnen im Vergleich zu der Anzahl der Schüler, kann helfen, alltägliche Doing-Gender-Prozesse zu reflektieren und gegebenenfalls zu reagieren.
Im Fall von Bildung im Übergang von der Schule in den Beruf wird vermehrt darauf hingewiesen, dass Jugendliche in unserer heutigen Gesellschaft keine klar vorhersagbaren Bahnen beruflicher und privater Lebensverläufe mehr haben und daher andere Stützpunkte in ihrer Identitätsbildung benötigen. Hier ist ein Anker die Gestaltung ihres Geschlechtscharakters. Es sollte in dieser Phase Gender explizit thematisiert werden und auf die Wahlfreiheit für den Beruf sowie für Modelle in der Partnerschaft eingegangen werden.
In der Erwachsenenbildung spielen weitere Dimensionen eine große Rolle. So sind es etwa immer weniger Frauen, die an Erwachsenenbildung teilnehmen, da sie mit der Doppel- und Dreifachbelastung von Arbeit, Haushalt und Kinder ge- und überfordert sind. Hier gilt es, das implizite Doing Gender zur Sprache zu bringen und aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Dies wird auch immer wieder von Adressatinnen und Adressaten gewünscht.
Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass dieses Buch eine hervorragende Hilfestellung für engagierte Pädagoginnen und Pädagogen sein kann, um über ihre eigene Genderkompetenz und die Einbindung von genderrelevanten Themen in den Unterricht zu reflektieren. Leider wird das Basiswissen zu Gender nur kurz zusammengefasst, wobei einige spannende Aspekte knapp oder nicht angesprochen werden. So wird etwa die Frage nach der Dekonstruktion von gender (dem kulturellen Geschlecht) und sex (dem biologischen Geschlecht) nur sehr kurz erwähnt. Im gesamten Werk wird stets der Bezug zu Gleichstellung und zum Gender Mainstreaming hergestellt. Das Hinterfragen etwaiger Unterschiede, etwa ob es Unterschiede für Frauen und Männer gibt, diese Genderkompetenz zu erwerben, vermisst die aufmerksame Leserin. Was jedoch thematisiert wird ist die unterschiedliche Situation von Frauen und Männern im Fall von Erwachsenenbildung. Dies
Für die Praxisanwendung würden sich Pädagoginnen und Pädagogen aber wohl mehr Praxisbezug, Anwendungsbeispiele und vielleicht das Auftrennen des Inhaltes auf zwei unterschiedliche Bücher wünschen. Das Ziel, das Jürgen Budde und Angela Venth verfolgen, nämlich einen roten Faden durch frühkindliche Erziehung, Schule, Übergang und Erwachsenenbildung zu führen, wird in diesem Buch definitiv erreicht.