England, 19. Jahrhundert: Charles Smithson ist Aristokrat und wird in seinen etwas reiferen Jahren der Neureichen Ernestina versprochen. Die Verlobung besteht, die Hochzeit sollte baldmöglichst stattfinden. Charles begegnet jedoch Sarah Woodruff, die sehr oft Spaziergänge an der Küste unternimmt und auf ihren Geliebten wartet, der jedoch längst in See gestochen ist und nicht mehr zurückkommt. Sarah wird "die Geliebte des französischen Leutnants" genannt, was jedoch ihrem Leumund und Ansehen schadet. Sie gilt in der Gesellschaft des Küstenstädtchens Lyme als "gefallene Frau" und als ob es nicht genug der Schmach wäre, verabscheut sie sich letztendlich selbst. Sie vertraut sich Charles an, der sich zunehmend für sie interessiert, jedoch Angst davor hat die strengen, viktorianischen Regeln der Konvention zu sprengen. Er begibt sich auf ein gefährliches Terrain und muss für sein unerhörtes Verhalten, wie vorgesehen, einige "Strafen" ertragen...
"Die Geliebte des französischen Leutnants" ist nicht ein simpler Liebesroman oder ein dramatisches Werk. Es ist vor allem ein Buch, das den Leser aufklärt. John Fowles bedient sich einmal der "Ich-Erzählung" und dann wieder dem personalen Erzählstil, um Charles Erlebnisse direkt wiederzugeben. Fowles berichtet über seine weiteren Vorgänge innerhalb des Romans, erklärt dem Leser einige Dinge über das viktorianische England und führt die Ursachen für das Verhalten der Menschen der damaligen Zeit an. Zudem schafft er es, den Leser, der sich bereits damit abgefunden hat, dass im nächsten Kapitel dies und das stehen wird, sprich Gedanken wie: Charles und Sarah müssen sich jetzt näher kommen/ jetzt muss eine Katastrophe passieren etc. zu manipulieren und noch auf die Folter zu spannen, indem er ihn abrupt in eine andere Richtung lenkt und die voreiligen Gedanken des Lesers auf spätere Kapitel überträgt und demzufolge ausführt. Fowles spürt die Gedanken des Lesers und versteht sich gut darin, sie nicht zu einer übermächtigen Größe entstehen zu lassen. Erst diese Tatsachen, machen diesen Roman zu etwas Besonderem und nicht zu etwas Alltäglichem, Kitschigem oder normal Verlaufendem. Fowles Eingreifen zwischen den Kapiteln der erzählten Geschichte holen den Leser wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, legen ihm ein Stop-Schild vor und bringen beinahe eine Art zu erziehen hervor, wie in etwa: "Denke nicht so sexistisch, lasse die Geschichte noch ein wenig treiben bis ein besonderer Moment kommt, ziehe keine voreiligen Schlüsse, nur weil du glaubst etwas gelesen zu haben, das als Auslöser für das nächste Kapitel gilt." Fowles fordert den Leser nahezu heraus und genau darum bleibt man vermutlich auch am Ball, da man wissen möchte, ob der Autor sich den Wünschen des Lesers bis zur letzten Seite zumindest einmal beugen und mit ihm gnädig sein kann. Insofern ist dieses Werk etwas Besonderes, da es wieder einmal einen etwas anderen Aufbau für einen Roman präsentiert und dabei doch unterhaltend, ja man muss sagen REIZEND wirkt.
~Bücher-Liebhaberin~