Wieder so ein Buch, das vor allem von denen zerzaust werden wird, die es gar nicht lesen. Jedenfalls machte ich den Test und legte, kaum erstanden, in der Cafeteria gut sichtbar neben meine Kaffeetasse. Die Kommentare liessen nicht auf sich warten: Machwerk, PR-Produkt, seichtes Geschwafel, Klatsch waren noch die harmlosesten Kommentare von Leuten, die viel auf ihre akademische Bildung geben. Ich freute mich umso mehr auf die abendliche Lektüre - und verbrachte die laue Sommernacht lesend auf der Terrasse. Zum grossen Spass trug auch bei, dass ich dauernd die Leseperspektive wechselte. Mal setzte ich die Brille des Politmarketers auf, mal die des Historikers, dann wieder diejenige des Voyeurs, des Mannes oder des Europäers und Neugierigen. Hillary Clinton oder wer immer auch die vielen Seiten verfasst haben mag, hat absolut Spannendes zu bieten. Das allein wäre noch kein Verdienst, denn immerhin war die Autorin acht Jahre lang im Zentrum der Macht. Nachdem ich fast atemlos über die Seiten geflogen bin, war mir auch wieder klar, weshalb Amerika nichts von seiner Faszination eingebüsst hat und der Ort ist, an dem die grossen Mythen der Neuzeit und der Postmoderne geschrieben werden. Amerika, was ist das? Die Antwort nimmt uns Hillary Clinton glücklicherweise nicht ab. Das wäre die Vermessenheit, die Hybris, die ihr rechtskonservative und linksfrustrierte Gegner vorwerfen. Sie lässt ihre persönliche Kamera über das Land streifen, erweckt alte Zeiten zu neuem Leben und überrascht auch immer wieder mit ganz persönlichen Passagen. Man mag die Frau, die wohl nur wenige ihrer Leser persönlich kennen, immer besser und wünscht ihr insgeheim die nächste Präsidentschaft. Wer könnte die Rolle der ersten weiblichen Präsidentin der USA besser einnehmen als sie. Klug, politisch mit allen Wassern gewaschen, emanzipatorisch, machtbewusst, anpassungsfähig, emotional und berechnend. Das Gedankenexperiment, dass die "Welt" von einer Frau regiert wird, begleitete mich durch das ganze Buch und verlieh im eine zusätzlichen Reiz. An ihren Fähigkeiten wird es kaum liegen, wenn ihr ein erneuter Einzug ins Weisse Haus verwehrt wird. Vielmehr sind es die dunklen, gewaltbesessenen, skrupellosen, korrupten und rückwärts gewandten Kräfte, die im Buch immer wieder beschrieben werden. Allen schon diese beängstigenden Stimmungsbilder lohnen die Lektüre. Oder sind es die 75 Schwarz/Weiss-Bilder, die den Preis wert sind? Ich hätte mir noch viel mehr davon gewünscht, auch wenn die Auswahl recht gut getroffen ist. Und wem all das Persönliche egal ist, muss das Buch ohnehin lesen. Denn ein wichtiges Dokument der Gegenwart ist es auf jeden Fall.