...hätte Goethe gesagt, wenn er Betriebswirt gewesen wäre.
Professor Wilhelm Hankel - ein ausgewiesener Goethe-Kenner, weiß nur zu gut, daß Finanzkrisen oder Währungszusammenbrüche im Kapitalismus immer auch zu sozialen Neuerungen aufgrund der Einsichtsfähigkeit der Akteure geführt haben. Auch hiervon handelt das vorliegende Buch. Es ist Erklärung, Warnung und Ausblick in einem. Ziemlich viel für ein Buch mit 243 Seiten, aber Hankel ist ein Kenner der Materie mit jahrzehntelanger Berufserfahrung, der Theorie und praktische Reflexion eines ausgesprochen sperrigen und komplexen Themas miteinander verbindet.
In der Öffentlichkeit wird er stets als Gegner des Euros wahrgenommen. Daß sein berufliches und lehrendes Wirken darüber hinausgeht, beweist er mit diesem Buch. So werden in dem vorliegenden Buch auch vier Ursachen der gegenwärtigen Krise des globalen Finanzsektors aufgefächert, sowie deren Ursache und Verbindungen aufgezeigt. Alle vier Ursachen haben sich über die letzten 40 Jahre mehr oder weniger unabhängig voneinander entwickelt. Gefährlich sind sie alle - auch Einzeln. Es handelt sich dabei um die von den USA ausgehende klassische (Standard-)Finanzkrise, die EURO-Krise sowie die Gefährdung der globalen Arbeits- und Produktionsmärkte in den entwickelten Industrieländern aufgrund des demographischen Übergangs sowie die nur schwer verständliche Krise der Zahlungsbilanzungleichgewichte der industrialisierten Länder sowie der Schwellenländer.
Zur Finanzkrise aus und in den USA:
Hierbei handelt es sich um eine Blase, welche die USA aufgrund der Vormachtstellung Ihrer Währung selbst produziert haben und die Welt einluden ihren Teil (ihre Ersparnisse) dazu beizutragen. Diese klassische Standardkrise, durch eine übermäßig geschöpfte Geld- und Kreditmenge erzeugt, hat auf dem Vermögensmarkt (Immobilien, Aktien, Anleihen, Gold, etc.) über die Jahre eine sog. Vermögenspreisinflation erzeugt. Da diese exorbitanten Preissteigerungen nicht direkt auf die Konsumgütermärkte durchschlugen (hier existierte ja globale Konkurrenz und Transparenz in der Produktion sowie im Absatz) ist diese sektorale Inflation an uns Normalbürgern mehr oder weniger vorbeigegangen, bzw. wir konnten die erratischen Preissprünge auf diesem Markt nicht korrekt deuten. Wir hätten wahrscheinlich sonst eher die Notbremse gezogen durch Verweigerung beim Ankauf von Aktien, Anleihen und sonstigen Vermögensgegenständen. Diese Blase musste irgendwann endgültig platzen und lassen ein ratloses Amerika zurück mit einer inzwischen um die 18% hohen realen Arbeitslosenrate und das ungute Gefühl, daß auch viele Normal-Amerikaner schon lange keine Globalisierungsgewinner mehr sind. Wenn sie es denn jemals waren.
Zur Euro-Krise:
Wilhelm Hankel war immer ein Gegner des Euros, nicht aus Gründen der Europafeindlichkeit, sondern da ihm aus seiner beruflichen Praxis sowie dem profunden Wissen um die Wechselkurs- und Zinsmechanismen klar war, daß die grundlegende Mechanik eines außenwirtschaftlichen Gleichgewichtes außer Kraft gesetzt wurde. Dadurch hat er das Auseinanderfallen nicht als Prophet vorhergesehen (die Prophetie speist sich ja gerade nicht aus rationalen Argumenten oder Wissen um Zusammenhänge) sondern aus der Sicht eines Ökonomen. Die Einführung des EURO in einem so disparaten Währungsraum musste zwangsläufig zu den nun vorherrschenden Problemen führen, da die beiden Mechanismen, welcher sich unterschiedliche Wirtschafts- und Währungsräume bedienen, nämlich Zins und Wechselkurs, außer Kraft gesetzt wurden. Die Zinsen sanken in den Club-Med Länder teilweise um 2/3 und unser Erspartes floss i.H.v. 1 Billion munter in weniger produktive Wirtschaftsräume, da die Zinsen dort immer einen Tick höher waren wie bei den Sparländern. Dort erzeugte es einen künstlichen Boom, der die Preise in diesen Märkten inflationierte, was die Zinsen für Kredite negativ werden lies. Nicht einfach zu verstehen, aber so war es nun mal. Nun stehen wir vor einem Scherbenhaufen und Europa war noch nie so geteilt wie heute. Das die Griechen nun sauer auf die Geberländer sind, ist mehr als verständlich.
Zur demographischen Krise:
Hier führt Hankel aus, daß er durchaus wie Max Otte weit über den Tellerrand einer rein wirtschaftlichen Betrachtung hinausblickt. Wirtschaft ist kein blutleeres System für Buchhalter, sondern ein organisches Ganzes, welches am Ende durch Menschen gestaltet und gelenkt wird. Der demographische Übergang wird soziale Ansprüche neu definieren und auch den Verteilungskampf um die Ressourcen anders gestalten. Auch die Globalisierung darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Generation jenseits der 65 eben nur durch die eigene Bevölkerung versorgt werden kann und sonst durch Niemanden. Werden hier nun die Ersparnisse durch einen weichen Euro oder Finanzkrisen in Mitleidenschaft gezogen, ist im System etwas falsch gelaufen und die sog. Neoliberalen müssen sich zu Recht fragen lassen, ob Ihre Systemlehre tatsächlich immer automatisch langfristig stabile Ergebnisse erzeugt oder ob es sich nicht eher um eine Art Ersatzreligion handelt, die bisher eher für Chaos und Durcheinander gesorgt hat. Die nun deutlich sichtbaren Risse im System lassen gerade die Werthaltigkeit unserer Ersparnisse für das Alter auf wackligen Füßen stehen. Soziale Veränderungen kündigen sich immer über die Hintertür an.
Zur Krise der Leistungsbilanzen:
Bei den Leistungsbilanzen offenbart Hankel seine ganze Erfahrung. Sonderbarer Weise gieren viele Länder danach mehr zu exportieren, als sie importieren. Wer aber mehr verkauft, wie er einkauft muss dem Käufer auch einen Kredit geben. So kaufen die USA eben mehr Waren in China ein, als China Waren in den USA. Die so gewonnenen Dollars werden von dem chinesischen Bankensystem dann u.a. in amerikanischen Staatsanleihen investiert. China verliert hier gleich zweimal: aufgrund der künstliche niedrig gehaltenen Löhne der chinesischen Arbeiterschaft sowie durch das Risiko, den Wert der Anleihen niemals wiederzusehen. Die USA wiederum gewinnen die Möglichkeit eines Überkonsuns aller Einkommensschichten sowie die Bereitschaft der Welt ihre volkswirtschaftliche Ersparnisbildung von 0% zu finanzieren. Diese Leistungsbilanzungleichgewichte haben sich seit Jahrzehnten aufgeschaukelt und es ist mehr als Wahrscheinlich, daß die Ersparnisse teilweise von Ländern wie Deutschland, Japan, China, Österreich, Finnland und vielen anderen dem Untergang geweiht sind. Wer die Fundamentaldaten wie Produktivität, Erwerbsquote, Ersparnisbildung, Lebensstandard, Verschuldung und demographischer Übergang der Schuldnerländer ansieht, wird wissen: keine jetzt lebende Generation wird bereit sein diesen Schuldenberg für das Ausland abzutragen. Sie müsste ein Leben lang auf alles verzichten, wofür sie arbeitet. Hankel bietet hier ein ganzes Leben Erfahrung und erläutert, wie nach dem Aufkündigen des Wechselkurssystems Ende 1973 der Dollar seine Doppelfunktion als nationale Währung, aber auch als Welt-Zahlungsmittel mißbrauchte und sich von der Golddeckung abkoppelte um so noch ungehemmter die Welt zu überfluten. Die inzwischen erdrückenden Leistungsbilanzdefizite, welche u.a. über das Ausland (China, Japan, Deutschland, etc.) finanziert wurden, müssen irgendwann abgetragen werden. Würde man die jetzt arbeitende Bevölkerung diese Bürde schultern lassen, wäre eine tiefe und lange Rezession die Folge, vor der sich alle Schuldnerländer - seien sie im Inland oder Ausland verschuldet, aus verständlichen Motiven fürchten.
Alle diese Themen sind über die gewaltige Kreditschöpfung, mit denen uns die Zentralbanken, die Geschäftsbanken sowie die übrigen nützlichen und unnützen Finanzinstitute beglückt haben, verknüpft. Wenn es auch schwierig zu verstehen ist: Kredit ist geronnene Arbeit. Wir arbeiten und einen Teil davon sparen wir. Wir können das gesparte in Form von Gold, Papiergeld oder Zigaretten unter das Kopfkissen legen. Dann arbeitet es eben nicht. Wir können es aber auch verleihen und erhalten das Versprechen den verliehenen Kredit mit Zinsen zurückzuerhalten. Grundlage eines jeden Kredites ist somit tatsächliche Arbeit. Die Zentralbanken haben nun darauf zu achten, daß über die geschöpfte Geldmenge immer auch die mögliche Kreditmenge dem Wachstum der Produktion angemessen ist. Durch die gewaltige Geldmengenvermehrung der letzten 40 Jahre sowie die Deregulierung der Finanzmärkte und ein fehlendes Welt-Währungssystem ist dieser einfache, aber langfristig wirksame und auch theoretisch gültige Zusammenhang aus dem Blickfeld der Ökonomen geraten. Wer noch ein Blick für die tatsächlichen Zusammenhänge von Arbeit (=Produktion), Kredit und Wechselkurse/Zinsen hatte (so wie Hankel) dem konnte nicht entgehen, daß die Welt auf einen Abgrund zusteuert, wie er größer nicht sein kann. Nun ist er da.
Der bange Leser reibt sich die Augen und fragt sich nun, warum ein so erfahrener Mann wie Hankel in den Medien in den letzten 15 Jahren kein Forum erhalten hat. Wollten wir das alles nicht wissen, war es zu komplex oder hat es uns einfach nicht interessiert?
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