"Wer wenig gesehen hat, staunt über vieles. Er sieht ein Kamel und denkt, dass dieses Pferd einen einen geschwollenen Rücken hat."
(Chinesisches Sprichwort)
Da auch die (deutsche) Kolonialgeschichte zu meinen Interessen zählt, habe ich bereits im Februar 2009 das Sachbuch "Kolonialkrieg in China. Die Niederschlagung der Boxerbewegung 1900-1901" gelesen und rezensiert. Der amerikanische Monumentalfilm "Die 55 Tage von Peking" (1963) bietet diesbezüglich eine äußerst freie Darstellung, die sich kaum an die historischen Ereignisse und Personen hält. Vor diesem Hintergrund und den bisherigen, kontroversen Kundenrezensionen wird "Gelber Wind oder der Aufstand der Boxer" durchaus zu einer sorgfältig zu lesenden und zu analysierenden Lektüre.
Zunächst sei bemerkt, dass die mehr als 600seitige Handlung des Romans nicht "mitten in der Zeit der Opiumkriege" spielt, denn der zweite und letzte endete bereits 1860, also vierzig Jahre zuvor. Es sind auch nicht die "Westmächte", die gegen die sowohl wirtschaftlich-sozial, als auch religiös-national motivierten "I-ho-ch'üan" (Faustkämpfer für Recht und Einigkeit, kurz "Boxer" genannt) zu Felde ziehen, sondern sechs europäische Nationen plus US-Amerika und Japan, die jeweils ihre eigenen imperialistischen Ziele verfolgten. Der Roman ist weder "leicht zu lesen", noch wird er nach der Hälfte "besonders qualvoll".
Zu seiner literarischen Bewertung ist zu sagen, dass weite Teile der Handlung durch lebendige Dialoge geprägt werden und auch Telegramme, Berichte, Befehle pp. als Stilmittel eingesetzt werden. Gerhard Seyfried lässt sein opulentes, in vier Teile gegliedertes Werk mit der jeweiligen Vorstellung seiner vier (erdachten) Protagonisten beginnen. Während sich die Wege der Privatlehrerin Arletta Lind, des Zeitungskorrespondenten Ferdinand Röder und des Kapitänleutnants Maximilian von Reichenow in Peking kreuzen, hält der Sozialdemokrat Janus Ballhaus die politische "Heimatfront" in Berlin. Die persönlichen Geschichten dieser vier Handlungsträger ermöglichen, neben parallelen und sich treffenden Handlungssträngen auch unterschiedliche emotionale Sichtweisen.
Hier einige Beispiele für historische Details: Die Opiumkriege, in denen Großbritannien den Chinesen das in seinen Kolonien produzierte Rauschgift als Zahlungsmittel für Handelswaren oktruierte (Seite 176) und das koloniale Wettrennen um China begann. Die Ermordung zweier Missionare in der Steyler Mission, im Innern der Provinz Schatung, die für die Landung des deutschen Ostasiatischen Kreuzergeschwaders in der Bucht Kiautschou zum Anlass genommen wurde. Der seit 1899 andauernde Burenkrieg, in dem die Engländer Dum-Dum-Geschosse einsetzten (S. 88). "Rough Riders" von Theodor Roosevelt der darin seine Erlebnisse im amerikanisch-spanischen Krieg beschreibt (S. 283). Die Jagd auf den Apachern Geronimo in der Sierra Madre (S.488), der Taiping- und Mahdi- Aufstand (S. 424), sowie die Ermordung des italienischen Königs Umberto I. am 29. Juli (S. 501).
"Gelber Wind" kann eine Fülle historischer Persönlichkeiten als Mitwirkende vorweisen. Diese sind im militärischen und diplomatischen Bereich u. a. Kapitänleutnant Adolf Lebrecht von Trotha, Kapitän Guido von Usedom, Clemens August Freiherr von Ketteler, Sir Claude Maxwell MacDonald, Stéphen Jean Marie Pichon und den österreichischen Sinologen Arthur Edler von Rosthorn.In Berlin agieren Ferdinand August Bebel, Paul Singer und Karl Johann Kautsky, der dem fiktiven Janus Ballhaus eine Ausgabe des "Simplicisimus" vorlegt (S. 386), der sich wiederum wegen der Verletzung der Abgeorndetenimmunität beklagt.Daneben gibt es Hinweise auf SMS Zenta, ein Schiff der österreichisch-ungarischen Kriegsmarine (S. 115) und die sozialdemokratische Forderung nach Einführung von Abgeordnetendiäten, da die Konservativen aufgrund ihrer Vermögen im Vorteil sind (S. 105).
Auch die Dramaturgie zeichnet sich neben Spannung durch eine Fülle packender Details aus. Beispielhaft seien hier die Beschreibung des "Gelben Windes" (S. 90), der Arbeitsbedingungen im Kessel- und Maschinenraum eines dampfbetriebenen Kreuzers (S. 163 ff.) und die Entbehrungen der in Peking Belagerten, die ihren Hunger mit "Cheval à la mode aux Croquettes de riz" (S. 476) stillen mussten, genannt. Daneben ist die zum teil altertümliche Bewaffnung der Chinesen, die jedoch mittels Krupp-Kanonen aufgerüstet worden waren, beachtlich (S. 476). Die Kämpfe um die Taku-Forts (S. 263 ff.) sind in drastisch-realistischer Weise dargestellt. Nachdem der Autor zuvor die Gräueltaten der Boxer (Massaker an chinesischen Christen, die in eine brennende Kathedrale eingeschlossen wurden; S. 241 ff.)beschrieben hatte, ist auch seine Schilderung des fürchterlichen Strafgerichtes der Alliierten, die sich bei Massakern, Massenhinrichtungen und der Plünderung Pekings (S. 471) in nichts nach standen, realistisch. Mit der Flottenvorlage im Reichstag, die gegen die Stimmen der Sozialdemokraten beschlossen wurde (S. 251), der Krügerdepesche (S. 387) und der gegenseitigen Beäugung von Russen und Japanern (S. 582) zeichnen sich bereits schwelende und künftige Konflikte zwischen den Mitgliedern dieser einzigartigen und nie wiederkehrenden Allianz ab.
Jenseits der barbarischen Brutalität und Gnadenlosigkeit in der sich beide Seiten begegneten hat der Autor auch humane Aspekte in seine Handlung eingebaut, wie z. B. die aufgrund des Rassismus geheime Liebe zwischen Julia Lenck und dem Chinesen Tschau (S. 215 ff., 227) oder die Weigerung einiger Marinesoldaten auf Wehrlose, das Feuer zu eröffnen (S. 230). Daneben die Friedfertigkeit und Hilfsbereitschaft buddhistischer Mönche.
Zum Abschluss dieses in jeder Hinsicht gelungenen, gehaltvollen und vorbildlichen historischen Romans gibt es neben einem Glossar und historischen Landkarten auch die richtig stellende Anmerkung, dass der Befehl "The Germans to the front" nicht bedeutete, dass nur jene die Situation bereinigen konnten, sondern schlicht, dass eine Ablösung vorgenommen wurde.
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