Franz Walter, Göttinger Politikwissenschaftler, gehört ohne Zweifel zu den scharfsinnigsten und zugleich scharfzüngigsten Analysten der bundesrepublikanischen Parteienlandschaft. Lieblingsobjekte seiner sezierenden Beobachtungsgabe sind einerseits die im Niedergang befindlichen Volksparteien SPD und CDU und andererseits die scheinbaren Krisenprofiteure von FDP und Bündnis 90/Die Grünen. In seinen zwei im Jahr 2006 erschienenen Essaysammlungen "Die ziellose Republik" und "Träumen von Jamaika" hatte Franz Walter seine Grundthesen zum Wesen der grünen und freidemokratischen Parteien bereits vorweggenommen, führt diese nun in "Gelb und Grün" aber noch einmal in mehr Details aus.
Walter liefert zunächst einen knapp-prägnanten Abriß der fast 150 Jahre währenden liberaldemokratischen Parteigeschichte, von den Anfängen im Bismarck-Reich bis zur Tagesaktualität der Westerwelle-Partei. Dass Franz Walter nicht zum Fan-Club unseres aktuellen Außenministers gehört, kommt wenig überraschend, die Verve, mit der er die Entwicklungen in der Westerwelle-FDP brandmarkt, überrascht dann aber doch: "Selten sonst in der Geschichte des Parlamentarismus und der Parteien hat sich ein Einzelner seine Partei in einem solchen Ausmaße untertan gemacht, auf sich selbst zu- und ausgerichtet. Mitunter hat es gar etwas Sektenhaftes, wie die FDP (...) ihrem Fahnenträger und Lautsprecher ganz oben zu Füßen liegt und ihm enthusiastisch zujubelt." (S 60) Mit seiner Analyse trifft Walter den Kern der gegenwärtigen Westerwelle-Malaise: "Die Soundbites verschlissen sich; man wurde der Parolen überdrüssig; man konnte sein Gesicht nicht mehr sehen, die schrille Tonlage seiner Statements kaum mehr ertragen. Medienvirtuosität birgt in sich - je erfolgreicher sie zunächst wirkt - alle Keime des Scheiterns." (S 61)
Steht Walter in Bezug auf die FDP geradezu das Bedauern über den Niedergang des sozial-liberalem Parteiflügels ins literarische Gesicht geschrieben, verfolgt er die frühen grün-fundamentalistischen Wirrungen und Irrungen mit unverhohlener Sympathie. Der Transformation der Grünen von der Protest- zur Eigenheim-Partei kann allerdings auch Walter nur mit einer gehörigen Portion Häme begegnen: "Der Protest verbeamtete. Damit begann der Abschied aus der Wohngemeinschaft. (...) Die Haare der Männer wurden kürzer, die der Frauen oft länger. Die Kleidung war nun teurer und modischer; die Latzhose verschwand aus den Kleiderschränken, ersetzt durch den Markenblazer italienischer Herkunft." (S 77) Diese Analyse ist zwar geradezu schmerzhaft stereotypenhaft, dadurch allerdings nicht weniger treffend. Walter liefert treffende Analysen, welche Rollen das grüne Führungspersonal (Fischer, Trittin, Roth) gerade in dieser Transformationsphase übernahmen. "Ihre Talente, gleichsam von Fischer bis Trittin, drangen mit harter Entschlossenheit nach vorne. Sie waren wuchtige Rhetoriker, oft verwegen, von bedenkenloser Wendigkeit, hatten immer unbeirrt das Ziel einer nicht zuletzt für sie selbst besseren Zukunft vor Augen." (S 88)
Walters Ansatz, die volksparteiliche Dominanz von CDU und SPD in den 50er und 60er Jahren mit der Einheitlichkeit öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu korrelieren und entsprechend das Aufkommen des Privatfernsehens als Brandbeschleuniger für das Zersplittern des Parteienspektrums heranzuziehen, erscheint mir nicht schlüssig. Ist es wirklich mehr als eine Gleichzeitigkeit zweier Symptome gesellschaftlicher Veränderungen, gar ein wirklicher kausaler Zusammenhang? In gleicher Weise könnte man auch argumentieren, dass die grüne Parteibewegung offensichtlich von der Verbreitung der Haushalts-Mikrowellen profitiert habe, sind doch letztere im selben Zeitraum wie die grüne Partei aufgekommen.
Mit besonderem Interesse habe ich die Seiten über die schwarz-grüne Annäherung gelesen, in denen Walter durchaus über die üblichen Oberflächenanalysen der politischen Sonntagszeitungen hinausgeht und sich mit den Unterschieden in Wählerschaft und Sozialisation zwischen diesen Parteiformationen befaßt. "Grüne und Schwarze überschneiden sich nicht, sondern ergänzen sich, können durch Komplementarität im besten Fall an Stärke und Breite gewinnen." (S 106) Hingegen: "Es ist fast überraschend, wie wenig sich die Anhängerschaften dieser Parteien auf der unteren Ebene der deutschen Provinz angenähert haben. (...) Im breiten Geflecht ihrer Traditionssphären haben sich die Gegensätze indes mit erstaunlich zäher Konstanz gehalten." (S 107)
Ähnlich pointiert befaßt sich Walter wenige Seiten später mit der Distanz zwischen FDP- und grüner Wählerschaft. "Auf den Schulhöfen standen die beiden Gruppierungen sorgfältig getrennt in verschiedenen Ecken." (S 124) Und: "In der wohlhabenden Mitte der Gesellschaft haben sich zwei eigene und konträre Lebenswelten entwickelt, nicht in materieller Hinsicht, aber in Hinsicht von Prinzipien, von Einstellungen, in der Sichtweise von dem, was man für wichtig hält." (S 127)
Insgesamt liefert Walter eine pointierte, gut lesbare Analyse, die nicht nur für Wahlstrategen in den bundesdeutschen Parteizentralen von Interesse sein dürfte.