Gegen den zeitgeistigen Countertenor-Wahnsinn (noch höher, noch schnellere Koloraturen, noch spektakulärer) setzt gerade der als virtuos bekannte David Daniels (man denke an seinen "Rinaldo" und weitere Händel-Helden) ein Zeichen: einfach schöne Musik. Seine faszinierende Stimme, wunderbar eingerahmt von "The English Concert" unter Harry Bicket, welches auch mit tollen Solisten aufwarten kann, verleiht den sehnsüchtig langen Phrasen des Agnus Dei nahezu überirdische Schönheit. Ein weiterer Höhepunkte der Aufnahme ist die Kantate "Ich habe genug" mit dem unwiderstehlichen "Schlummert ein". Wer könnte ein schöneres Schlaflied singen? Hat man je besser gesungene "U"s wie in "Ruh" gehört? Aber Daniels auf seine Stimme und makellose Technik zu reduzieren, hieße seine große Musikalität und Ausdruckskraft, die jedem Stück auf dem Album innewohnt, zu unterschätzen.
Unvergessen wird mir in diesem Zusammenhang sein "Erbarme Dich" bleiben, das er im Rahmen seiner Promotion-Tour zu diesem Album im Theater an der Wien am 22.10.2008 zum Besten (im wahrsten Sinne des Wortes) gegeben hat. Das Publikum war wie an die Wand geblasen und hat erst nach einigen Sekunden atemloser Stille mit frenetischem Applaus und Bravos reagiert.
Dieses Konzert hat mich zum Kauf der CD (und weiterer Daniels-Aufnahmen) bewogen und sie gehört derzeit zum Meistgespielten in meinem Haus, weil sie allen Familienmitgliedern vom Kindergartenkind bis zur Oma gefällt und am Abend die Hektik des Tages vergessen lässt.