Vor 400 Jahren wurde der bedeutende Kirchenlieddichter Paul Gerhardt geboren - Anlass für bundesweite Konzert- und Gedenkveranstaltungen. Bereits 2003 debütierte die Berliner Jazzsängerin Sarah Kaiser mit dem viel beachteten Album "Gast auf Erden - Paul Gerhardt neu entdeckt". Auch auf der neuen CD sind vier der insgesamt dreizehn Lieder von ihm. Es mag vielleicht zunächst nicht jedermanns Sache sein, sich auf die alten großartigen Melodien und wunderbaren Texte, die man sonst nur aus dem Gesangbuch kennt, in diesen modernen, bestechend schön arrangierten und interpretierten Pop-Jazz-Versionen einzulassen, doch gerade das ist der Reiz und wird rasch zu einem unglaublich intensiven und beseelenden Hörerlebnis - eine CD also, die auf positive Weise süchtig macht.
Seit Wochen liegt sie stets griffbereit im Auto oder zu Hause auf dem Player und läuft in einem Rutsch durch, denn es würde mir absolut schwer fallen, ein Lieblingslied auf "Geistesgegenwart" zu benennen (sehr origineller Titel übrigens für ein Album!). Paul Gerhardts "Geh aus mein Herz und suche Freud" mochte ich schon immer, weil es so wunderbar lyrisch und zugleich volksnah ist - in der viel später entstandenen musikalischen Fassung von August Harder das vielleicht genialste weltliche Kirchenlied überhaupt! "O come, o come Emmanuel" oder "Christ ist erstanden", das irische Traditional "Be thou my vision" - ja, das sind Melodien! Die richtig guten und unsterblichen lassen sich im Prinzip in jedes Gewand kleiden - doch man oder frau sollte schon - wie Sarah Kaiser und Produzent Samuel Jersak gemeinsam mit den Musikern der Band - etwas vom Schneiderhandwerk verstehen, sonst könnte es auch mal peinlich werden! Das flehentlich-melancholisch-düster-dorische "O Heiland reiß die Himmel auf" wird man noch in tausend Jahren singen. Wundervoll, wie die Sängerin diesen ergreifenden Choral zunächst rein solistisch interpretiert. Auch "völlig nackt" kommt die schwermütige Sehnsucht dieser Melodie zum Ausdruck, bevor sich die Band, gefühlvoll einsetzend, dazu gesellt. Außerdem gefällt mir der Scat-Gesang. Sarah Kaiser übertreibt es nicht - macht nicht zu viel und nicht zu wenig - sehr ausgewogen und einfühlsam das Ganze - und wie sie ihre Jazzphrasierungen gestaltet - stilsicher und geschmackvoll zugleich! Die melodischen Abweichungen sind behutsam genug, um niemals wie eine unfreiwillige Parodie zu wirken - hier mal eine Blue Note, da mal ein Schlusspunkt auf der Sekunde, eingebettet in einen samtweichen 7/9er. Der moderne soulige Groove von "Wer nur den lieben Gott lässt walten" ist - man möge mir diesen Ausdruck verzeihen - schlichtweg geil, kreativ unterstützt von einem "Sohn Mannheims", Florian Sitzmann - total spannend, diese Version! Gospelartig und ausgelassen geht es zur Sache bei "Fröhlich soll mein Herze springen", der intensive Riff der Bassklarinette bei "O komm, du Geist der Wahrheit" klingt super - ein raffiniertes Arrangement! Dann die Salsa-Nummer "Ich lobe dich von ganzer Seele" - zum Abtanzen - könnte mit anderem Text und von Lou Bega gesungen ein sommerlicher Discohit in der Art von "Mambo Nr. 5" werden. Aber gerade dieses (scheinbar) Gegensätzliche von Text und Musik ist ja das Geniale. "Lobe den Herren, den mächtigen König" - ja gab es diese Melodie denn schon vorher? Klingt so, als sei sie extra für diese CD komponiert worden. Und bei "Lobet den Herren, alle die ihn ehren" fühlte ich mich spontan an "Blood, Sweat & Tears" erinnert ... Reinster Jazz-Rock! Und zum Ausklang schließlich ein kunstvolles Zwiegespräch zwischen Gesang und Klavier: "Der Mond ist aufgegangen", das berühmteste Abendlied des Abendlandes, bei dem der Pianist eine Interpretation des Claudius-Textes mitliefert, klingend wie eine leichtfüßige, spielerische Improvisation, die aber doch - zumindest glaube ich das - minutiös ausarrangiert ist.
Alles in allem also eine gelungene Synthese von sehr alter kirchenmusikalischer Tradition und im weitesten Sinne Jazz, der ja nicht nur die Unterhaltungsmusik der letzten 100 Jahre wie kaum eine andere Gattung beeinflusst und geprägt hat - ein Album, dem zu lauschen es sich lohnt - mit offenem Herzen, offenen Ohren und wachem Geist - eine CD, die meines Erachtens dazu beiträgt, mittels einiger der schönsten und tiefsinnigsten Kirchenlieder aller Zeiten uns Menschen von heute - ohne die Wurzeln zu verleugnen - Gottes Geist gegenwärtig und lebendig zu machen.
Andreas Seger
Musikredakteur, Chorleiter, Komponist