Zwei allseits geachtete und beliebte Männer wurden bzw. werden ermordet: Eric Dorsey, ein sozial engagierter weißer Lehrer in einem Navajo-Internat, und Francis Sayesva, ein Würdenträger im Pueblo Tano. Es scheint nur eine Gemeinsamkeit zwischen den beiden zu geben: Beide waren sie gute Menschen. Weit und breit ist kein Motiv erkennbar, warum ausgerechnet sie ermordet wurden. Und dann ist Sayesvas Neffe Delmar Kanitewa aus eben jenem Internat weggelaufen, in dem Dorsey unterrichtete. Könnte es einen Zusammenhang geben?
Jim Chee und sein neuerdings direkter Vorgesetzter Joe Leaphorn sind nur teilweise zuständig, aber je weiter sie ermitteln, desto mehr bruchstückhafte Zusammenhänge werden erkennbar. Es geht um korrupte Regierungsvertreter und um Umweltaktivisten, denen der Zweck die Mittel heiligt; es geht um einen geradezu irreal integren Händler für indianisches Kunsthandwerk und Antiquitäten -- ein Paradox nennt ihn deswegen Chees Freund Dashee; es geht um Antiquitätenfälschungen und den drohenden Ausverkauf der Indianer-Kulturen.
Und es geht um heilige Narren, um "sacred clowns" (so der Originaltitel. Man fragt sich, wer den deutschen Titel zu verantworten hat), in mancherlei Gestalt: Zunächst natürlich um die Kosharen, die rituellen Figuren eines Pueblo-Festes, die die Menschen und ihre Verstöße gegen die heilige Ordnung darstellen. Der Krimi beginnt sogar mit einer spektakulären Kachina-Zeremonie im Tano-Pueblo; Jim Chee will den Ausreißer Kanitewa hier ausfindig machen. Doch dann wird einer der Kosharen erschlagen; es handelt sich um Kanitewas Onkel Sayesva...
Das Motiv des heiligen Narren zieht sich durch alle Ebenen von "Geistertänzer": Der ermordete Lehrer z.B. hatte in seiner Wohnung nicht nur ein Bild des Narren in Christo Franz von Asissi hängen, er betätigte sich auch selbst zur allgemeinen Erheiterung als Bauchredner. Oder das Verhältnis zwischen Chee und Leaphorn: Chees Verstöße gegen die "heilige" (Dienst-)Ordnung führen sogar zu Leaphorns vorübergehender Suspendierung. Und nicht zu vergessen die säkulären Narren, die Navajo-Statisten in dem Film "Cheyenne" (fälschlich mit "Der Herbst der Cheyennes" übersetzt), die den engagierten Western zu ihrer eigenen Clownerei nutzten, sodass dieser Film, der die Vernichtung der Cheyenne thematisiert, bei den Navajos den Status einer Komödie hat... Dies sind nur die signifikantesten Beispiele.
Der Plot von "Geistertänzer" ist sogar für Hillerman-Standards unglaublich dicht gepackt: Wie in allen "frühen" Hillerman-Krimis prallen hier indianische Traditionen und problematische US-Gegenwart hart aufeinander; die Frage nach der kulturellen Identität dominiert jeden einzelnen Handlungsstrang. Auch wenn die Lösung des Falles nicht mehr ganz so dicht mit der Kultur der Navajos, Hopis und Pueblos verwoben ist -- diese alten Kulturen spielen immer noch eine wichtige Rolle; übrigens auch im Romanaufbau.
Eine entscheidende Rolle spielen diesmal aber die Probleme der Gegenwart: So mancher Würdenträger der Stämme ist korrupt, auch dann, wenn er zugunsten profitabler (für wen?...) umweltschädigender Projekte die Gesundheit seines Volks aufs Spiel setzt (man lernt allerdings auch weniger problematische Versuche kennen, Tradition und Moderne in Einklang zu bringen). Und auch die Umweltschützer auf der Gegenseite sind nicht durch die Bank weg Lichtgestalten... Eine weitere Rolle in "Geistertänzer" spielen der unter Indianern verbreitete Alkoholismus und, damit verbunden, das fetale Alkoholsyndrom (Alkoholembryopathie).
"Geistertänzer" kann -- und jetzt wird's ein weiteres Mal spannend -- aber nicht "nur" als Krimi gelesen werden. Wer diesen Krimi aufmerksam liest, erspart sich fast einen Grundkurs in Ethnologie: Ganz nebenbei erfährt man z.B. anhand drastischer, mitunter amüsanter Beispiele, dass Indianer nicht gleich Indianer ist: Da gibt es zum einen den Unterschied zwischen assimilierten "Stadt-" und eher traditionellen "Reservatsindianern", und obendrein sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Völkern mindestens so gravierend wie die z.B. zwischen den verschiedenen europäischen Nationen. Klar also, dass ein assimilierter Cheyenne-Cop aus Chicago mit traditionellen Navajos und Tano-Pueblos so seine Schwierigkeiten hat und in jedes erreichbare Fettnäpfchen tritt...
Man findet auch sanfte Kritik an allzu orthodox ausgelegten Navajo-Kulten, etwa wenn Chee sich aus religiösen Rücksichten seiner Freudin gegenüber alles andere als einfühlsam verhält, oder wenn alte geachtete Schamanen keine Rücksicht darauf nehmen wollen, dass ihre "Klientel" an den Rhythmus der 5-Tage-Woche gebunden ist. Und, für einen europäischen Leser weniger deutlich, für einen US-amerikanischen aber vermutlich frappierend: Vor über 120 Jahren stattgefundene Ereignisse sind noch längst nicht abgehakt; die Zwangsinternierung der Navajos in den 1860er Jahren z.B. spielt im Denken immer noch eine höchst lebendige Rolle und kann sogar noch das Tun und Lassen in der Gegenwart mitbestimmen.
Jede Menge Stoff also, und dazwischen noch eine Krimihandlung -- ob das gutgeht? Es geht gut! Hillerman gehört nämlich zu den wenigen Autoren, die sich nicht in der Landeskunde verheddern oder den Plot vor lauter Mitteilungsbedürfnis verhungern lassen. Ein Klassekrimi, buchstäblich spannend bis zur letzten Seite, in einer wunderbar klaren Sprache geschrieben (übrigens von Klaus Fröba gut übersetzt, sieht man einmal vom "Herbst der Cheyennes" und den Baumwollbäumen ab) -- eine Steigerung ist kaum denkbar.