In seinem neuen Bildband Geisterstätten" führt der Aldinger Journalist Arno Specht seine Leser zu längst vergessenen, angesichts der morbiden Schönheit des Verfalls" aber um so faszinierenderen Orten und Schauplätzen in Berlin und Umgebung.
Von Alfred Thiele
In seinem Chanson Miramare" besingt der Poet und Liedermacher André Heller 1985 die Welt von Gestern. Eine Welt, die längst untergegangen, die aber in prachtvollen Bauwerken und Schauplätzen in der Phantasie und in den Träumen verklärt wieder auflebt. André Heller, der poetische Melancholiker, gesteht schließlich in sinnierender Selbsterkenntnis: Im Schau'n in eine alte Welt vergaß ich auf den Tod..." Worte, die Arno Specht - als Journalist eigentlich mehr Realist denn nostalgischer Träumer - sehr berührt haben, kommen darin doch Gegenwart, Vergangenheit, Sehnsucht und Illusion zum Ausdruck. Und er kann Hellers Gefühle sehr gut mitempfinden nachdem er sich in den zurückliegenden Jahren selbst intensiv mit alten Welten - er nennt sie Geisterstätten" - auseinandergesetzt hat. Nicht in Liedern und Versen, sondern bei ausgedehnten Entdeckungs-Wanderungen auf abseits gelegenen Pfaden in und rund um Berlin. Mit der Kamera hat er jene faszinierenden und manchmal surreal-bizarren Orte aufgesucht, an die sich nur noch ganz Wenige erinnern. Stätten die bei den Alten fast vergessen sind und von denen die Jungen überhaupt nichts mehr wissen. All diese verfallenden Gebäude und Schauplätze hat er in Bildern festgehalten, er hat aufwändig recherchiert, um möglichst viel über Geschichte und Geschichten dieser Orte zu erfahren und festhalten zu können.
Entstanden ist aus diesen Streifzügen ein fast 100 Seiten starker Foto- und Textband mit außergewöhnlichen, berührenden Fotografien von teils geradezu magischer Anziehungskraft fernab aller restaurierten Sehenswürdigkeiten und Museen. Einzigartige Momentaufnahmen, die einerseits die Ruhe des Vergangenen in sich tragen, andererseits aber das Staunen und Fragen herausfordern und inspirieren. Sie lassen träumen und die Phantasie entschwinden - in längst vergangene und manchmal vielleicht sogar schönere Tage.
Alles hat damit begonnen, dass Spechts Sohn Adrian im Internet Fotos entdeckte, die ihn nicht mehr los ließen - Impressionen aus den verlassenen Beelitzer Heilstätten bei Berlin. Es waren Bilder, die mich ebenso verstörten wie begeisterten", schreibt der Autor im Vorwort seines Buches: Das Bedauern über den Verfall der wunderbaren Gebäude mischte sich mit der Faszination, die von der morbiden Schönheit des Verfalls ausging." Recht schnell stand für Arno Specht, seines Zeichens Pressereferent der Stadt Tuttlingen, und seinen Filius fest, diese alte Welt der Heilkunst aufzusuchen. Unser erster Besuch in Beelitz wurde zum Beginn einer Spurensuche - einer Spurensuche in den Ruinen der jüngsten Vergangenheit", erzählt der Journalist, der mit seiner Familie in Aldingen lebt und viele Jahre in Trossingen und Rottweil als Redakteur engagiert war.
Es sollte nicht beim Besuch der Heilstätten bleiben - Arno und Adrian Specht hatten Feuer gefangen und ihre Spurensuche führte sie in den darauf folgenden Monaten und Jahren weiter und tiefer in die Welt von Gestern: zur Toteninsel des Staubes", einem ehemaligen Futtermittelwerk in Rüdersdorf; zum Plattenbau der Sehnsucht", einem verfallenden Wohnheim in Hohenschönhausen; zur Inszenierung des Verfalls" im alten Concerthaus Potsdam"; oder zur gestrandeten Schönheit" des Ballhauses in Grünau, das Arno Specht zum träumerischen Phantasieren über die letzte Ballnacht in diesem einst prachtvollen Hause mit seinem Glanz aus einer längst vergangenen Zeit" inspiriert: Ob sie rauschend war, weiß keiner mehr - aber es war die letzte Ballnacht. Was gespielt wurde, ist unbekannt - aber es war ein Abgesang. Wer anwesend war, ist nicht überliefert - aber es waren Trauergäste. Denn nach dem Ende der Feier, als das letzte Glas geleert und die letzte Zigarette geraucht war, fiel das Ballhaus in einen Dornröschenschlaf."
Zu insgesamt14 solch vergessener Orte führt Arno Specht in seinem Buch und bei allen Fakten, die er recherchiert hat, bestechen ganz besonders die poetische Schönheit seiner Sprache, sein Reichtum an Metaphern, seine sanfte Ironie sowie seine Fähigkeit, Leser und Betrachter auf seine Spurensuche mit zu nehmen und zu fesseln. Die meisten der ausdrucksstarken Fotografien stammen vom Autor selbst, einige Bilder haben Stefan Beste, Babett Köhler und Adrian Specht beigetragen.
Einen Anspruch auf Vollständigkeit kann und will dieses Buch nicht erheben", schreibt Arno Specht im Vorwort. Ganz besonders betont er, dass der Band keinesfalls als eine Art Reiseführer" gedacht ist und deshalb ganz bewusst keine exakten Wegbeschreibungen enthält: Zum einen sei der Besuch der verlassenen Orte alles andere als ungefährlich; zum anderen leben die Orte auch und gerade von der Ruhe und Einsamkeit. Ihr Zauber liegt darin, dass sie in Vergessenheit geraten sind." Arno Spechts wunderbares Buch will diese bezaubernde Welt von Gestern in und um Berlin wohl in Erinnerung rufen und vor dem endgültigen Vergessenwerden bewahren; auf keinen Fall will er jedoch eine Störung oder Zerstörung durch touristischen Rummel einleiten. Vielleicht ein wenig im Sinne eines Marcel Proust, der auf seiner Suche nach der verlorenen Zeit" sagt: Die Vergangenheit entflieht nicht, sie bleibt und verharrt bewegungslos."