Wir befinden uns im Weimar des Jahres 1805. Die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm, beide noch Jus-Studenten, besuchen den von ihnen verehrten Dichterfürsten Goethe. Dieser schickt sie mit einer Arznei zu seinem todkranken Freund Schiller, welcher ihnen ein versiegeltes Manuskript übergibt, offenbar sein letztes Werk, und ihnen aufträgt, dieses Goethe zu übergeben. Doch während des Rückwegs wird ihnen dieses Manuskript von einer geheimnisvollen Gestalt geraubt. Damit beginnt eine Kette mysteriöser Vorfälle, welche den/die Leser/in zusammen mit Wilhelm Grimm, aus dessen Perspektive der Roman geschrieben ist, von Weimar zunächst nach Warschau und dann weiter ins Polen und Preußen des neunzehnten Jahrhunderts führt, wobei er/sie Bekanntschaft mit einer Reihe von mehr oder weniger bekannten historischen Persönlichkeiten schließt. Die Handlung wird zunehmend komplexer, und am Schluß finden wir uns in eine Verschwörung verstrickt, in der mysteriöse Geheimbünde, preußische Adelige, berühmte Dichter und geheimnisvolle Alchemisten, um nur einige zu nennen, gleichermaßen verstrickt sind.
"Die Geisterseher" ist der erste Roman von Kai Meyer, den ich gelesen habe und es wird wohl nicht der letzte sein. Nach der Lektüre von Kai Meyers Buch muß ich einmal mehr deutlich den Mangel an Auswahl (oder zumindest den Mangel an Präsenz in den Buchläden) deutschsprachiger Autoren aus dem Bereich der "Phantastischen Literatur" (mein eigener Name für die Genres SF, Phantasik, Horror u.ä.) bemängeln, vor allem, da mit diesem Buch (wieder einmal) klar wird, daß diese ihren anglikanischen Kollegen an Qualität und Ideenreichtum in nichts nachstehen.
Den besonderen Reiz dieses "unheimlichen Romans" (lt. Cover) machte für mich das Auftreten diverser historischer Personen aus, wobei der Autor durchaus Wert auf ein gewisses Maß an Authentizität legt, fast alle Personen des Romans haben wirklich zur fraglichen Zeit am fraglichen Ort gelebt und waren auch teilweise miteinander bekannt (für mehr Hintergrund-Infos: Petra Seidel, Kay Meyers "Die Geisterseher"). Darüber hinaus ist das Buch beinahe von der ersten Seite an spannend zu lesen und die Handlung gewinnt zunehmend an Komplexität, ohne so verwirrend zu werden, daß man sich kaum mehr auskennt. Doch trotzdem ist diese rasante Handlung ein Punkt, den ich etwas kritisieren möchte: Wäre "Die Geisterseher" ein Film, so dürfte man (vor allem im letzten Drittel) wohl kaum blinzeln, um nichts zu versäumen, die Ereignisse überschlagen sich und beinahe jede Seite passiert irgend etwas Dramatisches. Hier wäre vielleicht ein bißchen weniger mehr gewesen, der Autor brennt ein derartiges Ideenfeuerwerk ab, daß der/die Leser/in beinahe aufpassen muß sich nicht zu verbrennen. Dadurch verliert das eigentliche Finale meiner Meinung nach etwas von dem ihm wohl zugedachten Gewicht, wenn in den hinteren Kapiteln die Leute wie die Fliegen dahingemeuchelt werden, ist es schwer, zum Schluß noch eins draufzusetzen.
Insgesamt kann ich "Die Geisterseher" jedoch nur empfehlen, wer spannende, jedoch trotzdem niveauvolle Unterhaltung sucht, liegt mit diesem Roman sicher richtig. Ein Extralob auch an den Rütten & Loening-Verlag für die geschmackvolle und originelle Ausstattung des Buches!