Dass sich die österreichische Volksseele nicht nur von Sachertorte, Walzerseeligkeit und Wiener Schmäh nährt, sondern sich spätestens seit Ende der K.u.K.-Zeit mit barocker Überfülle auch eine kokette Abgründigkeit paart, ist ja nicht unbekannt. Einen neuerlichen Beweis, dass es bei den Österreichern einfach nicht mit rechten Dingen zugeht, liefert das Autorenteam Christoph Bieberger, Alexandra Gruber, Johannes Herberstein und Gabriele Hasmann mit ihrem Werk "Geisterschlösser in Österreich - Spuk hinter herrschaftlichen Mauern".
Im weitesten Sinne sind sie alle in der schreibenden Zunft und dem Journalismus zuhause und davon profitiert auch das mit knapp 200 Seiten angenehm handliche Werk durchaus: Mit flotter Schreibe lebendig formuliert, sorgsam recherchiert und Hintergründe beleuchtend, verspricht es mit unterhaltsamen, fast investigativem Impetus Berichte von Augenzeugen, "die den vertrauten Kreis der jeweiligen Familie noch selten verlassen haben".
So wie beispielsweise die merkwürdigen Ereignisse im Schloss Grünau im niederösterreichischen Waldviertel: Hausherrin Frau N., die ihren Namen nicht preisgeben mag, merkt, dass es in ihrem Hause durchaus seltsam zugeht - und zwar immer um die Pfingstzeit herum. Frau N. und ihre Gäste hören Stimmen, Beleuchtungen gehen auf unerklärliche Weise an und aus, nachts erscheinen Gestalten in Mönchskutte, Gästebucheinträge erscheinen unvermittelt - ist es die Ahnfrau aus grauer Vergangenheit, die hier ihr Unwesen treibt, fragt sich Frau N., die noch nie vor diesen Begegnungen mit ähnlichen Erlebnissen konfrontiert war, jedoch als Kind "das zweite Gesicht" hatte und schlimme Ereignisse vorhersehen konnte.
Zugegeben, einen gewissen Zugang für alles Unerklärliche sollte der Leser bei der Lektüre von "Geisterschlösser in Österreich" schon haben. Das setzen auch die Autoren voraus. Mitnichten wollen sie "neue Wahrheiten" oder Tatsachenenthüllungen preisgeben - vielmehr sollen die in Schlossbewohner-Kreisen kursierenden Geschichten um mysteriöse Begegnungen und Spukerscheinungen dem Vergessen entrissen werden, so dass die Autoren ihre Erzählung damit als "Teil unseres kulturellen Erbes" apostrophieren. "Gäbe es in unserer High-Tech-Welt überhaupt keine Geheimnisse mehr, wäre das wirklich ein Gewinn?", fragen die Autoren in ihrer Einleitung sodann rhetorisch und schicken den Leser munter auf eine "Reise ins Unbekannte."
Und die führt wirklich an "sagenhafte" Orte: Zum Schloss Bernstein im Burgenland, der ältesten Festung Österreichs, in der der "Rote Ritter" und die "Weiße Frau" ihr Unwesen treiben, beide offenbar als "Geister" belegbarer historischer Persönlichkeiten: Der Rote Ritter, so schreiben die Autoren, gehe zurück auf Graf Iván von Güssing, ein berüchtigter Raubritter und politischer Intrigant des 13. Jahrhunderts, der vor Verrat und Gräueln nicht scheute - und wegen dieser "Spur des Blutes" seit Jahrhunderten, in denen sein rothaariger Geist offenbar immer wieder gesichtet wurde, bis heute seine letzte Ruhe nicht finden konnten. Die "Weiße Frau" sei hingegen auf die angeblich lebendig begrabene Tochter eines italienischen Herzogs zurückzuführen - sie sei eine "positive Erscheinung", die mit ihrem Auftauchen Kriegsereignisse und Todesfälle ankündigen würde. Von ihrem grünlich-gelben Licht, das sie mit ihrem Kommen verbreitet, gibt es sogar einen Fotobeweis - über dessen Echtheit Ausschnitte aus der "Zeitschrift für Parapsychologie" von 1929 im Anhang berichten.
Nächtliche Kutschfahrten in der abgelegenen Therasburg, eine Jünglings-Erscheinung im Schloss Tratzberg, Stimmen-Spuk auf Zimmer 35 im Schlosshotel St. Georgen in Kärnten - insgesamt 15 Geschichten um schier unglaubliche Begebenheiten sind es, die vom Autorenteam erzählt werden. Immer wieder werden als Kunstgriff dabei Berichte von Skeptikern eingesetzt - und das durchaus wirkungsvoll: Die Geschichten jagen wohlige Schauer über den Rücken und wecken den Wunsch, sich selbst auf Geisterjagd zu begeben. Und genau hierfür ist das Werk ebenfalls sehr nützlich: Nicht nur, dass im Anhang auf weiterführende Literatur zu den einzelnen Schlössern hingewiesen wird - für eine Vielzahl von ihnen gibt es, ganz im Stile eines Reiseführers, Anschriften und Kontaktadressen, einschließlich Aufenthalts- und Besuchsmöglichkeiten.
"Meist sind es die Ungläubigsten, die tatsächlich etwas erleben, nicht jene, die sich davor fürchten oder unbedingt etwas sehen wollen", prophezeit das Buch "Geisterschlösser in Österreich" immer wieder. Das bleibt zu beweisen - auf nach Österreich!