Ich habe diesen Reiseroman voller Leidenschaft gelesen als er erschien und vor kurzem mit größtem Vergnügen noch einmal.
Ach, war das wunderbar: Endlich mal wieder ein Buch, das einen so richtig packte! Die Lektüre erwies sich nicht nur als dramaturgisch fesselnd und zum Hineinsinken schön, sondern sie erfasste einen mit Haut und Haaren, geistig und körperlich. Lesen wurde zum Erlebnis und zu einer außergewöhnlichen Bereicherung. Der erste Roman des Berliner Autoren M. G. Schoeneberg mit dem Titel "Geister der gelben Blätter" vermittelt Wahrheiten, verschenkt Wissen und verleiht Worte.
Wenn teure Reisen oder umfangreiche Reiseführer als Quellen des Wissens ausscheiden, dann bleibt nur die Hoffnung auf einen Roman, wie ihn Schoeneberg geschrieben hat. Hier lernt man quasi nebenbei unglaublich viel über Südostasien ' historische und politische Fakten, religiöse und ethnische Erklärungen. Doch im Mittelpunkt steht immer der Mensch in seiner ganzen Pracht.
Die autobiographisch angelehnte Geschichte des Joshua Schneebaum teilt sich in zwei zeitlich voneinander unabhängige Handlungsstränge innerhalb des Jahres 2001, die als vergleichende Gegenüberstellung von Laos und Thailand angelegt sind.
Der Roman beschreibt nun zum einen Joshuas Landreise nach Attapeu im Süden von Laos, seine Schwierigkeiten mit dem sozialistischen Staatsapparat und seine Exkursionen mit einer internationalen Delegation. In zahlreichen intellektuellen Monologen und Dialogen bekommt der Leser Wissen pur. Immer mal wieder auftauchende Thai-Worte werden umgehend auf Deutsch erklärt. Zum Schmunzeln charmant wird es, wenn Schoeneberg die Thai-Aussprache englischer Begriffe übernimmt: Der "flint" ist ein "friend" und das "problem" wird zum "pompem". Da kann man sich nur mit einem Wai bedanken, einer Geste des Respekts und der Dankbarkeit, wie sie in buddhistischen Ländern üblich ist.
Mehr Lust am Leben - Sex, Drugs und Rock'n'Roll - spielt sich in der parallelen Erzählung ab, in der Joshua Schneebaum sich in Chiang Mai im Norden Thailands befindet. Hier stürzt er sich nicht nur in die wissenschaftlichen Archive, sondern auch in sexuelle Abenteuer, die sein Alter Ego M. G. Schoeneberg ausführlich und intensiv beschreibt. Heiße Affären mit Student, Straßenjunge und Tänzer. Nur die wirklich große Liebe Ed bleibt unerreicht. Ed ist der Prinz von Naan und Joshuas Begleiter auf Feldforschungen, welche zu Bergvölkern in den Dschungel führen. Die Mlabri, jene Geister der gelben Blätter, die letzten Nomaden in den Bergwäldern, denen Schneebaum mit viel Sympathie und größtem Respekt begegnet.
Das Ende des Buches ist etwas unbefriedigend, weil es so viele Fragen offen lässt und nach einer Fortsetzung schreit. Im Anhang bietet das Buch noch ein "Making Of" mit vielen wertvollen Ergänzungen wie Zeitregister, Kreislauf des Buches und einem umfangreichen Glossar. So vieles muss hier leider unerwähnt bleiben, aber es soll ja auch nicht die Freude an der eigenen Lektüre vorweg genommen werden. Lesen Sie dieses Buch! Lesen Sie es, auch wenn Sie sich vielleicht jetzt noch gar nicht für Thailand oder Laos interessieren. Wir sind alle Reisende.
Herausragend bei diesem Werk sind neben der Fülle an Inhalt und brillanter Erzählkunst vor allem die kluge und tiefe, poetische und ästhetische Sprache Schoenebergs sowie die emphatische Leidenschaft, mit der er Emotionen erzeugt und vermittelt. Großartig!