Entgegen eines anderen Rezensenten Meinung fand ich es bezüglich der Qualität und Tragik dieses Berichts nicht geschmacklos, einen (allen drei Herausgebern bekannten) Ghostwriter zu engagieren, der zugegebenermaßen kein Expeditionsteilnehmer war, aber verhindern konnte, dass es über verschiedene Sachverhalte Meinungsverschiedenheiten und unklare Formulierungen gibt, zumal der Zweck dieser Expedition emotional äußerst aufwühlend gewesen ist. (Ich fand eines der Gruppenbilder weniger angemessen, auf dem alle Teilnehmer grinsen wie draufgängerische Gipfelbezwinger.)
Ich bin antiquarisch und sehr billig an dieses kostbar ausgestattete Buch gelangt und habe es an einem Tag durchgelesen. Es ist irrsinnig spannend. Der bis 1999 verschollene, bereits zu Lebzeiten legendäre englische Bergsteiger George Leigh Mallory übt bis heute auf Laien wie Bergsüchtige eine ungemeine Faszination aus. Die berichtete Expedition wurde unter interessantesten Umständen zusammengestellt und würfelte die seltsamsten Charaktere zusammen: u. a. einen deutschen Geologen, Bergsteiger und Hobby-Mt.Everest-Historiker, einen bergbegeisterten amerikanischen Verlagsmitarbeiter, dazu britische Filmer ... alle mit dem Ziel, die Leiche des Bergsteigers zu finden und nach Möglichkeit die Umstände seines Todes zu klären, denn im Juni 1924 kehrten er und sein Gefährte Andrew Irvine von ihrem Versuch, den Gipfel des Mt. Everest erstzubesteigen, nicht wieder zurück. Ein Rätsel, das Interessierte bis heute umtreibt (und welches auch diese Expedition nicht lösen konnte!), ist, ob Mallory die Besteigung gelungen ist. Die Herausgeber haben spürbare Hochachtung vor Mallorys Persönlichkeit; aus jeder Zeile sprechen Respekt und Ehrfurcht. So komplexe Gedanken über sein Schicksal haben sich vorher wohl nur wenige gemacht. Trotzdem ist dieses Buch kein reiner chronologischer Bericht, sondern ein ästhetisch sehr ansprechendes Buch mit ausführlichen Graphiken und Karten und unter anderem auch einer beachtlichen Bibliographie für den nach dem Lesen erst recht Süchtigen (im Hinblick auf die Ausstattung empfiehlt sich also einfach diese Ausgabe und nicht das Taschenbuch). Fair wägen die Herausgeber alle Verläufe ab, die der Besteigungsversuch genommen haben könnte, wenn auch die Beschreibungen von Lokalitäten am Berg manchmal tatsächlich etwas langatmig wirken, die andererseits für das Verständnis wichtig sind. Von der Leiche Mallorys gibt es drei Bilder in der Lage, in der er gefunden wurde, also nicht vom Gesicht oder in Detailaufnahmen, was ich sehr anständig finde. Absolut erschütternd sind die Fundstücke bei der Leiche ... u. a. Briefe und Notizen, Essensrationen, eine Tube Vaseline; alles rührend gut erhalten. Bilder von ihnen sind in das Buch mit seinen auch sonst phantastischen Fotografien am Anfang jedes Kapitels eingewebt, die jeweils mit einem Zitat Mallorys beginnen. Es ist so interessant, dass auch dieser Expedition nicht gelungen ist, das zu beweisen, was mancher gern glauben möchte: dass diesem größten Bergsteiger seiner Zeit die Besteigung des höchsten Gipfels der Erde gelungen ist. George Leigh Mallory bleibt damit ein Rätsel, eine immerwährende Legende, und vielleicht ist das das Schöne, und nicht die Rekonstruktion seines letzten Lebenstags: im Prinzip ist dieser Mann nie gestorben. Für mich am bezeichnendsten ist in diesem Zusammenhang der Fund seiner Armbanduhr - ohne Deckglas und mit noch immer lesbaren Ziffern und, wie man später herausfand, funktionsfähigem Uhrwerk, aber ohne Zeiger.