Fantasyliteratur (Harry Potter/Herr der Ringe), Animeserien (Sailor Moon/Yu-Gi-Oh), Pendeln und Gläserrücken, Girlie-Hexen, Goths u.v.m. bereiten heute Eltern und Verantwortlichen in der Kinder-/Jugendarbeit Kopfzerbrechen. Vor allem, wenn diese sich als Christen verstehen und ihren Umgang mit Kindern/Jugendlichen vor diesem Hintergrund gestalten/verantworten wollen. Wie soll man diese Phänomene bewerten? Wo muß man Grenzen ziehen? Wo ist vielleicht nur Panikmache am Werk, mit nur wenig (theologischer/pädagogischer) Substanz?
Mit GEISTER, HEXEN, HALLOWEEN hat Hemminger ein kompaktes, wohlinformiertes und ausgewogenes Büchlein vorgelegt, das (v.a. aber nicht nur!) Christen unterschiedlichen theologischen Hintergrunds herausfordern kann, wohlvertraute Sichtweisen zu hinterfragen und begründete Standpunkte zu finden. Hundertprozentig recht macht er es u.U. keinem, manchen dürften einige Passagen zu „fromm“ sein, anderen andere Passagen zu „liberal“. Gerade darin sehe ich allerdings eine Stärke dieses Buches, da niemand sich ohne großes mit- und nachdenken lediglich das ohnehin längst gewußte bestätigen lassen kann. Hemminger will einerseits „keine weltumspannende Verschwörung Satans aufdecken, der versucht, die Menschheit zum Okkultismus zu verführen“ (S.7), andererseits „werden Sie in diesem Buch keine besondere Sympathie mit der Esoterik Bewegung finden“, denn „der Geist des Okkultismus ist ein anderer als der des christlichen Glaubens....“(S.8). Wie man sich auch am Ende zu manchem Urteil Hs. stellen mag (gelegentlich habe auch ich meine Fragen, darum „nur“ vier Sterne), das mit- und nachdenken wird einem auf keinen Fall erspart! Eine weitere Stärke ist der Praxisbezug. Es geht nicht um reine Wissensvermittlung, sondern darum, „aus einer nüchternen pädagogischen, seelsorgerlichen und theologischen Perspektive“(S.8) Hilfe zu bieten, mit diesen Phänomenen im Alltag umzugehen.
Zu Zauberweib: Ist es geistige Vergewaltigung/Psychoterror, eine begründete, (u.U.) negative Meinung zu manchen Dingen(!) zu haben und sie zu artikulieren?
Im 1.Kapitel beschreibt H. zuerst einmal kurz die verschiedenen Phänomene und Erscheinungsformen. Er gibt erste Begriffsdefinitionen und wichtige Differenzierungen, so z.B. die wichtige Unterscheidung von Okkultismus einerseits und Fantasy andererseits. Außerdem skizziert er die Rolle der Erwachsenen, als Vorbild im Guten wie im Schlechten, aber auch als Reibungsfläche für jugendliche Protesthaltung/-kultur.
Im 2.Kapitel untersucht H. den modernen Esoterikmarkt. Ziel ist auch hier, die Fähigkeit zur Einordnung und Unterscheidung zu erlangen. Die Kriterien dazu werden aus einem kurzen Abriß der Geschichte des Okkultismus/der Esoterik gewonnen. Danach werden esoterische/okkulte Erscheinungsformen der Moderne gesichtet und esoterische „Dogmen“ skizziert. Die Entstehung des modernen Okkultismus erweist sich geistesgeschichtlich als eine von mehreren Varianten des Protest gegen den neuzeitlichen Rationalismus. Eine andere, und damit vom Okkultismus klar abzugrenzende Variante, ist die Romantik mit ihrer Wiederentdeckung des märchenhaften/wunderbaren. Zwischen beiden Varianten, dem „mystischen“ und dem „magischen Widerspruch“(S.43) muß deutlich unterschieden werden, denn „[w]ährend sich der mystische Widerspruch gegen die moderne Welt von Novalis bis Tolkien...bis zu C.S. Lewis oft harmonisch mit dem christlichen Glauben verbindet, ja sich sogar aus christlichen Quellen speist, sind Synthesen zwischen dem magischen und dem christlichen Anliegen nicht möglich“, sie „scheitern...und verlassen letztlich den Boden des christlichen Glaubens.“(S.43-44)
Im 3.Kapitel bespricht H. biblisch-theologische Gesichtspunkte. Er untersucht Texte des AT (2.Mo.22,17/3.Mo.20,6/5.Mo.18,9ff/ausführlich 1.Sam.28,3-25) und NT (Apg.13,6-12/Apg.8,4ff), um daraus Kriterien für den Umgang mit verschiedenen Phänomenen zu gewinnen. Es wird deutlich: Magie u.ä. existiert und funktioniert. Entscheidend ist aber nicht die technische Frage („wie“), sondern die Machtfrage. Diese „ist...im ganzen Alten Testament, und...auch im Neuen Testament, die entscheidende Frage an die Zauberei und deren Machtansprüche. Jene werden als hohl entlarvt und die Macht...Gottes...wird als allumfassend und allgegenwärtig erkannt.“(S.48-49)„[A]lttestamentliche Modelle für die Beurteilung der Magie [sind]: Zauberei als Täuschung und Selbsttäuschung, Zauberei als Bundesbruch, als ein Verrat an Gott, der sich seinem Volk verbunden hat, und schließlich Zauberei als Grenzüberschreitung, als Versuch, sich Macht anzueignen, die Gott dem Menschen nicht gewährt. Diese Modelle sind heute noch wegweisend im Umgang mit dem Okkultismus, und sie lassen sich auch heute noch in Argumente für junge Menschen umsetzen.“(S.49-50) Hs. biblisches Modell widerspricht s.E. sowohl gängigen liberalen als auch fundamentalistischen Auffassungen, die daraufhin skizziert und kritisiert werden. Am Ende stehen stark im Menschenbild von Rö.1 verwurzelte Gedanken zu Seelsorge.
Kritische Rückfrage: Wie versteht H. z.B. Eph.6,12(+Kontext)? Wie paßt es in sein Modell?
Im 4.Kapitel bewertet H. dann konkret einzelne Phänomene gemäß den Kriterien aus Kap.2&3. Differenziert besprochen werden die „Schwarze Szene“ mit ihren zumindest teilweise vorhandenen Übergängen zum Satanismus (hier ist Hs. Kritik scharf.), Pendeln und Gläserrücken (inkl. im Vordergrund stehenden naturwissenschaftlichen Erklärungen; entscheidend für die (negative) Bewertung ist aber gemäß Kap.3 nicht die technische, sondern die Machtfrage), Hexenkult/Girlie-Hexen, Mandalas und Halloween. Außerdem trifft H. die sehr wichtige Unterscheidung von Spiel-/Bilderwelten und Lebenswelten. Entscheidend ist hier die Frage, wie sehr die Grenze zwischen Lebenswelt/Realität und Spielwelt/Phantasie aufrecht erhalten bzw. verwischt wird. Im ersteren Fall wird der Realitätssinn geweckt/geschärft, „indem die menschliche Realität von Mut, Kameradschaft und Liebe in einer verfremdeten Bilderwelt Gestalt gewinnt.“(S.85) Im zweiten Fall „wird der Realitätsverlust vorprogrammiert.“(S.85) Gemäß dieser Frage werden verschiedene Bücher/Filme/etc. besprochen.
Kritische Rückfrage: Blendet es nicht zu einseitig jegliche geistliche Dimension aus, zu sagen, daß „...die einzig wirksame Vorbeugung gegen den Satanismus...ein lebenswertes Leben [ist]“(S.69)?
Im 5.Kapitel bespricht H. konkret Fantasyliteratur. H. geht der Geschichte des europäischen Jugendbuchs nach, von Pippi Langstrumpf über Nils Holgerson u.a. bis zu Alice im Wunderland. Auch christliche Fantasy Autoren wie C.S. Lewis, J.R.R. Tolkien und Madleine L’Engle finden Aufmerksamkeit, sowie der manchmal sehr unchristliche Umgang mit ihnen von Seiten mancher Glaubensgeschwister. Entlang Tolkiens Modell einer „subcreation“ findet er das Ziel der Fantasie darin, Staunen zu lernen. Sehr ausführlich wird dann exemplarisch Harry Potter (inhaltlich sehr positiv–„Christliche Literatur sind die Geschichten nicht, aber sie sind gut gemacht.“(S.110); nicht unkritisch, was den Umgang damit angeht!) besprochen. Am Ende stehen wichtige Überlegungen dazu, wie lesen funktioniert, nämlich als ein aktives Verarbeiten und nicht nur als ein passives Aufnehmen des Gelesenen. Genau bei dieser Verarbeitung fällt Familie und Schule/Jugendarbeit eine wichtige Rolle zu. Außerdem folgt der Versuch, zu zeigen, wie einschneidend die mediale Revolution (TV,DVD&Internet) unsere Realität bereits verändert hat, und Hilfen für den Umgang damit zu geben.
Kritische Rückfrage: Was kann ich nicht mehr „taufen“?(Vgl.S.93+113-14)
Im Abhang finden sich ein Glossar (Erklärungen wichtiger Begriffe), Literatur- und Materialhinweise.
Hansjörg Hemminger ist Weltanschauungsbeauftragter der Evangelischen Kirche in Württemberg.