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2.0 von 5 Sternen
Die Angst des Redakteurs vor Statusverlust, 22. Januar 2009
Die Krise des deutschen Qualitätsjournalismus unter dem Druck zwischen globaler Finanzagglomeration und den modernen Techniken der Neuen Medien ist das Thema des Buches "Geist oder Geld. Der grosse Ausverkauf der freien Meinung" von Hans-Jürgen Jakobs. Als Chefredakteur der Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung steht Jakobs inmitten der Materie und ist daher wie kaum ein anderer geeignet, einen profunden Insidereinblick in den Zustand der gegenwärtigen deutschen Massenmedien zu vermitteln, die seit den letzten Jahren einem dramatischen Wandel unterliegen, dessen Ende noch längst nicht abzusehen ist.
Anhand bekannter Beispiele wie ProSiebenSat.1 und "Berliner Zeitung" zeigt Jakobs auf, welche Auswirkungen der gestiegene Zwang zur Wirtschaftlichkeit im allgemeinen und das das Vordringen der globalen Finanzinvestoren mit ihren aberwitzigen Renditevorgaben im speziellen auf die journalistischen Arbeitsbedingungen und damit einhergehend auf die Qualität der Presseberichterstattung hat. Die Verschmelzung von Werbung und redaktionellen Inhalten sowie die Boulevardisierung sich bislang seriös gebender Medien - zwei Trends, die aufmerksamen Lesern schon seit Jahren auffielen - werden hierdurch endlich transparent gemacht. Jakobs sieht in dieser Entwicklung, die sich in Medienmoguln wie Silvio Berlusconi personifiziert, eine große Gefahr für Demokratie und Zivilgesellschaft. Denn wo das Prinzip Geld regiert, geht die freie Meinung verloren. Gleichzeitig erfahren die traditionellen Medien durch das Aufkommen virtueller Kommunikationsformen wie Google, Wikipedia und freien Internet-Blogs einen schmerzlichen Bedeutungsverlust.
Doch der Leser darf sich keinen Illusionen hingeben: Jakobs geht es nicht um Meinungsfreiheit an sich. Seine Warnschrift ist eine in eigener Sache. Mehr als subtil ist zwischen den Zeilen zu spüren, dass es ihm in Wahrheit um den Erhalt seines Status geht, der ihm bislang eine weitgehend unabhängige Deutungs- und Interpretationshoheit garantierte. Und damit kommen wir endlich zum Kern des Problems, das die Krise des deutschen Journalismus ausmacht, deren Wurzeln weiter zurückreichen als bis zum Auftreten der Finanzinvestoren.
Warum haben Journalisten in Deutschland einen so schlechten Ruf? Warum verlieren gerade die bislang als seriös geltenden Printmedien so viel an Auflage? Sind es wirklich die Eitelkeit ihrer Vertreter und die traditionellen Bindungen auflösenden Modernisierungsprozesse, wie Jakobs mutmaßt? Das ist zu kurz gegriffen, die Journalisten tragen selbst eine erhebliche Mitschuld daran, dass ihnen die Leser davonlaufen! Der Niedergang des deutschen Journalismus setzte ein, als die 68er Generation in ihren Marsch durch die Institutionen, der sie auch durch die Redaktionsstuben führte, dazu übergingen, das Prinzip Geist durch das Prinzip Gesinnung zu ersetzen. Nun ging es nicht mehr darum, den Leser zu informieren, sondern nach Art der Sozialpädagogen zu erziehen. Wenn dementsprechend über die letzten Jahrzehnte hinweg Meinungsumfragen unter Journalisten konstant eine Präferenz von 80 Prozent für das rot-grüne Lager belegen, dann muss sich das zwangsläufig auch auf den Charakter der Berichterstattung niederschlagen. Solcher Humus bringt nicht Meinungsvielfalt hervor, sondern einen Konformismus, der alles unter sich erstickt. Stellt die damit verbundene tiefe Kluft zwischen der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung nicht eine vergleichbare Gefahr für die deutsche Demokratie dar, wie sie von den Finanzinvestoren ausgeht?
Wenn die Massenmedien die Lebenswirklichkeit ihrer Leser nicht mehr widerspiegeln, machen sie sich letztendlich selbst überflüssig. Den Rest des Vertrauens verlieren sie, indem sie ihre durch die Pressefreiheit garantierte "Herrschaft der Telekratie" (Botho Strauß) für zweifelhaften Diffamierungskampagnen und Skandalinszenierungen missbrauchen. Sebnitz und der Fall Eva Herman sind nur zwei der traurigen Tiefpunkte, die aufzeigen, wohin die unkontrolliert agierende "Vierte Macht im Staat" abgeglitten ist. Zwei abschreckende Beispiele, die bei Jakobs seltsamerweise keine Erwähnung finden, der aber ansonsten ein überzogen hohes Bild seiner Kollegen zeichnet, die sich doch so gerne an hohen Qualitätsmaßstäben orientieren wollen, wenn man sie nur ungehindert von sachfremden Vorgaben arbeiten ließe. Hierin zeigt sich die Beschränktheit von Jakobs Analyse: das Fehlen eines tiefgreifenden und kritisch reflektierenden Charakterporträts des heutigen Journalisten, dessen Zunft seine Kollegin Herlinde Koelbl so trefflich mit einer "Meute" gleichsetzte. Ebenso vermisst der Rezensent eine eingehende Definition dessen, was für Jakobs eigentlich das Handwerk des Qualitätsjournalismus ausmacht.
Doch nun haben die Journalisten mit dem großen Kapital endlich ihren Meister gefunden. Aber damit wieder alles beim Alten bleibt, hat Jakobs auch acht als Thesen formulierte Vorschläge parat, die wie Zumutungen wirken. Unter anderem möchte Jakobs die allgemeine Rundfunkgebühr abgeschafft wissen zugunsten einer allgemeinen monatlichen Pressequalitätsgebühr für alle Haushalte, quasi als "Solidarleistung" für notleidende Qualitätsmedien, die sich somit nicht mehr auf dem Markt behaupten müssen. Jakobs möchte also auch gerne ein Stück vom Kuchen. Selbst dann noch, wenn niemand seine Zeitung liest?
Ebenso zweifelhaft ist seine Idee der Einrichtung von Institutionen, die die Auswirkungen der digitalen Revolution beobachten sollen, was im Grunde genommen nur auf den Einstieg in die staatliche Kontrolle des Internets hinaus läuft. Mit seiner Forderung nach Einführung von "Medienkunde" als Schulfach greift er einen unseligen Vorschlag der SPD auf. Geht es ihm dabei wirklich im die Sensibilisierung der Jugend für die Manipulationen durch die Massenmedien oder nur um ihre frühzeitige Vereinnahmung? Zweifel sind angebracht, ob hier nicht der Bock den Gärtner macht.
Resümierend kann man feststellen: was die "Heuschrecken" angeht, ist Jakobs Warnung inzwischen überholt. Der britische Finanzinvestor Montgomery hat sich mit seinem deutschen Abenteuer eine blutige Nase geholt und gerade seine Zelte abgebrochen. Die "Berliner Zeitung" ging zwar nicht an Berlusconi, aber mit Neven DuMont an einen ambitionierten und umtriebigen Verleger alten Stils mit sozialdemokratischem Profil, der über die Frankfurter Rundschau" mit dem Medienimperium der SPD verbandelt ist.
Aber mit den Neuen Medien tritt ein Akteur ins Spiel, der die Karten neu mischt. Auch in Deutschland verschafft sich abseits vom Medien-Mainstream in populären Blogs wie "Politically Incorrect" der sich bislang von Medien und Politik verlassen fühlende Bürger Stimme und Gehör. Und das Internet bietet auch die Plattform dafür, dass Bücher wie das von Jakobs nicht mehr allein von seinesgleichen rezensiert werden. Sein anarchischer Charakter wird jede staatliche Kontrolle zumindest erschweren. Damit verschiebt sich auch in Deutschland das Verhältnis von Lesern und Zuschauern zunehmend auf die Augenhöhe von Redakteuren und Programmgestaltern, die sich nicht mehr ungestraft alles erlauben können. Die Resonanz wird durch das Netz prompt geliefert und lässt sich nicht mehr wie Leserbriefe in den Papierkorb selektieren. So ändern sich also die Zeiten und wie die Moderne viele traditionelle Bastionen schleift, so verschwindet eben auch das Monopol der Massenmedien auf Deutungs- und Interpretationshoheit. Leser und Zuschauer können dabei nur gewinnen. Aber für Journalisten wie Jakobs ist es besser, sich damit zu arrangieren, als den vergangenen Zeiten nachzutrauern, wo sich die Massenmedien noch ungestört gegenüber den Lesern und Zuschauern einigeln konnten.
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