Dieses Büchlein wurde von nicht weniger als vier Autoren der unterschiedlichsten Fachrichtungen geschrieben. Je ein Professor für Komparatistik, Italienische Literatur, Pathologie und Physik widmen sich einer Seite von Erwin Schrödingers Denken, die wohl für die meisten Rezipienten (so auch mich selbst) unbekannt ist. Als Nicht-Physiker habe ich Schrödingers eigene Schriften nie gelesen, in der Annahme, dass sie meine physikalischen Kenntnisse ohnehin übersteigen. Als Laie kannte ich natürlich seinen ironischen Vergleich mit der Katze und der Höllenmaschine, und auch die Schrödingergleichung war mir namentlich ein Begriff, ohne dass ich hätte erklären können, was sie besagt.
Hier erfahren wir jedoch, dass Schrödinger einer der wenigen Naturwissenschafter war, die es wagten, zumindest ansatzweise über den Tellerrand ihres eigenen Fachgebiets hinaus zu blicken, ja, er scheute es nicht, "laienhafte" Gedanken über das Wesen des Seins anzustellen, wofür er - was mich nicht wirklich erstaunt - von der Fachwelt (oder Teilen von ihr) belächelt, angefeindet und gemobbt wurde. "Geist und Materie" sowie "Was ist Leben?" sind die Titel der Werke, in denen Schrödinger sich bis in philosophische Bereiche vorwagt, was ihm einige Kollegen offensichtlich sehr übel nahmen.
Hans Ulrich Gumbrecht (Komparatistik) schreibt rahmenartig eine kurze Einleitung und das Schlusswort. Während die Einleitung einen guten Überblick über die Inhalte der folgenden Aufsätze bietet, nähert sich Gumbrecht im Nachwort über eine Analyse eines fragmentarisch gebliebenen autobiographischen Textes dem Menschen Schrödinger, wobei er sich dabei meiner Ansicht nach ein bisschen zu sehr im Detail verzettelt und Schrödingers Denkweise beinahe mystifiziert.
Robert Pogue Harrison (Italienische Literatur) hebt die "Doppelexistenz" Schrödingers als Wissenschafter wie auch als Denker hervor, eine Kombination, die bis heute als selten, wenn nicht gar - aus naturwissenschaftlicher Sicht - als anstößig gilt. Naturwissenschafter nehmen sich das Recht und die Pflicht heraus, die Dinge zu erklären, nicht, sie zu ergründen oder zu erläutern. Die Frage nach dem Warum wird den Philosophen überlassen und mitunter als nicht wissenschaftlich degradiert. Ja, es geht sogar so weit, dass Fragen, die dem naturwissenschaftlichen Weltbild zuwider laufen, bewusst ignoriert werden, wodurch sich ein reduktionistisch-verzerrtes Weltbild ergibt, das Schrödingers Drang zu "intellektueller Redlichkeit" zuwider läuft. Bezeichnend finde ich folgenden Satz:
"Hinsichtlich der Verbindung zwischen Geist und Materie gibt es besonders unter Hirnforschen eine ausgesprochene Abneigung, sich mit diesen Dilemmata sinnvoll auseinanderzusetzen. Weit verbreitet ist die Tendenz, die Paradoxien mit Hilfe reduktionistischer oder rein materialistischer Schablonen »zu verbergen oder wegzuerklären«, anstatt zuzugeben, daß sie die Durchdringung der Materie mit Geist nicht zu erklären vermögen." (S. 37)
Eben dies habe ich als Hauptkritikpunkt bei meiner Rezension des ebenfalls in der edition unseld erschienenen Büchleins von Michael Pauen und Gerhard Roth, "Freiheit, Schuld und Verantwortung" hervorgehoben. Die genannten Herren agieren in ihrer Schrift haargenau so, wie hier von Harrison beschrieben: Sie erkennen die Diskrepanz und streichen demzufolge die störenden Elemente ihrer Wahrnehmung einfach weg, mit dem banalen Argument, diese seien "unwahrscheinlich".
Robert B. Laughlin (Physik) verfasste den für meine Begriffe interessantesten wie auch kritischsten Aufsatz, indem er den "philosophischen Laien" Schrödinger und seine Rezeption in der Fachwelt näher beleuchtete, wobei der Autor damit nicht mit Kritik an den Zeitgenossen Schrödingers (v.a. Bohr und Heisenberg) spart und deren Anfeindungen als zu nicht geringem Teil neidischem Konkurrenzverhalten entspringend entlarvt.
Ein wirklich interessanter wie brisanter Punkt in Laughlins Ausführung ist die Feststellung, dass Schrödinger mit seiner Gleichung die Kopenhagener Deutung widerlegt hätte, dieses Faktum aber bis heute als eines der Tabus in der Physik nach wie vor nicht laut ausgesprochen werden dürfe. Das schien mir doch allerhand, weshalb ich einen befreundeten Physiker um Aufklärung diesbezüglich bat. Seine Reaktion wie die seiner Kollegen war mehr als bestürzend: Kein einziger (!) Wissenschafter wollte sich dazu dezidiert äußern, was Laughlins Behauptung meiner Ansicht nach untermauert. Was ist denn so schlimm daran, Stellung zu beziehen und zu sagen: "Ja, so ist es"? Tja, in der Wissenschaft kann einen das mitunter den Kopf kosten.
Michael R. Hendrickson (Pathologie) nimmt den weitaus größten Platz in dem Büchlein für sich in Anspruch. Obwohl er über weite Strecken das mir eher vertraute Gebiet der Molekularbiologie absteckt und Schrödingers Beitrag zur Entwicklung der Gentechnik schildert, halte ich den Beitrag für zu ausladend. Ich habe den Eindruck, dass ein Laie durch Hendricksons weitschweifiges Ausholen in die Grundlagen der Molekularbiologie nicht unbedingt schlauer wird. Er reißt die Themen zwar an, erklärt sie aber nicht zu Ende, und damit füllt er Seite um Seite, die völlig am Thema (Schrödinger) vorbei führen. Gut ein Drittel wenn nicht gar nicht Hälfte dieses cytologischen Traktats könnte man getrost streichen bzw. kürzen. Die wirklich interessanten Aspekte dieses Aufsatzes offenbaren sich erst auf den letzten paar Seiten, da sich hier der Autor endlich auf sein eigentliches Thema, die Onkologie, konzentriert.
Summa summarum verdient das Buch aber eine absolut positive Wertung, zum einen, weil die vielen unterschiedlichen Blickwinkel ein schönes, mehrdimensionales Bild von Schrödingers philosophischen Denkansätzen liefern, zum anderen weil auch gewagte Kritik an der so genannten Fachwelt geübt wird. Ein Buch, das zur weiteren Vertiefung mit Schrödinger und seinem Werk animiert.